Kultur : Berliner Leben

FRANK DIETSCHREIT

Rechts ein schmuddeliges Pissoir.Links eine quietschende Wasserpumpe.Dazwischen bröckelnde Hinterhof-Idylle.Vor grauen Häuserwänden, rostigen Teppichstangen und dreckigen Fensterscheiben wird gekeift und geknutscht, gesoffen und gekotzt.Gern wird auch gesungen und getanzt.Denn mag das Leben auch noch so ärmlich und finster sein, wo "Zille mittenmang" ist, läßt sich niemand unterkriegen und keine ordentliche Berliner Schnauze den Mund verbieten.Krakelende und zeternde, meckernde und miesepetrig bollernde Berliner Schnauzen gibt es reichlich in Sabine Thieslers "Urberliner Posse mit Jesang", die jetzt im Hansa-Theater als "Welturaufführung" zu sehen ist.Regisseur Klaus J.Rumpf gelingt es, ein ansehnliches Volksstück auf die Bretter zu hieven.Klaus Sonnenschein kaut wie weilend der olle Zille an seiner Zigarre und führt den Zuschauer als alleswissender Erzähler durchs Geschehen.Das spielt sich 1920 ff.in der Sophie-Charlotte-Straße 88 ab, mal im Hinterhof, mal in der angrenzenden Bierschwemme, der schummrigen "Molle".Einmal auch fährt die ganze Bagage auf einem Ausflugsdampfer durch Spree-Athen.Doch dann wird Kapitän Blaschke (Helmut Gauß) zum deutsch-nationalen Ekelpaket, traktiert die roten Proleten mit völkischem Verfolgungswahn.Wo aber die Politik ins Spiel kommt verirrt sich die deftige Posse ins Plakative.Wenn sie einfach nur menschelt und jemütlich sein will, wenn sie Schupos und Zuhälter verhohnepipelt, vor allem wenn Dagmar Biener als "Molle"-Wirtin ihre Zunge lockert und ihr Herz auf dem rechten Fleck hat, ist sie genau das, was sie sein will: ein theatralischer Bilderbogen mit Musike.Hartmut Valenske (als Paule) intoniert Jürgen Wanjuras berliner Lieder-Reigen auf Akkordeon und Klavier.Da wollen die meisten Zuschauer nur noch eines: im Rhythmus die Hände rühren und mitsingen.

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