Berliner Lebensadern (3) : Ein Kneipen-ABC vom Schiffbauerdamm

Straßen erzählen Geschichten. Stadtgeschichten, Kiezgeschichten, Lebensgeschichten. In unserer Serie folgen wir den Lebensadern Berlins. Heute: Am Schiffbauerdamm steigen Anspruch und Preise – bis zum BE.

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Schiffbauerdamm in Mitte: Ein Seitensprung. Der Schiffbauerdamm gesehen von der Weidendammbrücke. Und immer noch ist die Spree bleigrau wie einst.
Schiffbauerdamm in Mitte: Ein Seitensprung. Der Schiffbauerdamm gesehen von der Weidendammbrücke. Und immer noch ist die Spree...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ein Touristenlokal! Jedes Mal, wenn ich im Vaporetto sitze, frage ich mich dasselbe: Warum? Doch niemand kann sich ein Zuhause aussuchen, man kann es nur finden oder verpassen. Und es tut jedes Mal wieder gut, Claudia Cardinale beim Spaghettiessen zuzusehen. Und dazu Sophia Lorens skeptischer Blick von der Wand gegenüber. Sie hat recht! Trotzdem komme ich immer wieder.

Das Vaporetto ist genau da, wo die S-Bahn hinter dem Bahnhof Friedrichstraße in das erste Haus hineinfährt. Früher waren das ihre ersten Meter Richtung Westen. Das konnten wir natürlich nicht sehen, aber hören, im Albrechtseck. So hieß der Vorgänger des Vaporetto. Wir betraten es nur aus Verzweiflung, wenn der Trichter zuhatte. Das Albrechtseck war eine der letzten wirklich gelungenen Synthesen von Koma und Preußentum.

Wenn wir Glück hatten, streifte uns irgendwann ein halber vorwurfsvoller Blick mit einem längst erstorbenen Rest von Frage darin. Der gehörte der Wirtin. In ihm mischten sich der Vorwurf, dass wir überhaupt da waren, mit einer vagen Erinnerung an ihren Beruf. Die Speisekarte hing in einem solchen Sicherheitsabstand hinterm Tresen, dass sie mit bloßem Auge unmöglich zu erkennen war. Wer hätte einem in der DDR die Speisekarte vorgelesen? Und erst im Albrechtseck? Die Gäste sahen meist aus, als wollten sie sich hier Mut für ihren letzten Gang antrinken. Es sind doch nur noch ein paar Schritte bis zur Spree.

Man könnte an dieser Stelle über den Unterschied zwischen einer Straßen- und einer Kneipenkolumne sprechen. Aber ist der Schiffbauerdamm zwischen Weidendammer Brücke und S-Bahnhof wirklich eine Straße? Oder ist er nicht vielmehr der gepflasterte Ausdruck der Notwendigkeit, aus der einen Kneipe hinaus- und in die nächste hineinkommen zu müssen?

Die spanische Zeitung „El Mundo“ hat herausgefunden, dass die Bar Tausend am Schiffbauerdamm zu den fünf besten Bars der Welt zählt. Es gibt dort sogar Pink Mojito. Ich habe Menschen, die nach Farben trinken, am liebsten bunt, noch nie verstanden.

Früher konnte man einfach so am Geländer lehnen und lange in das Selbstmörderbleigrau der Spree hineinschauen. Sie trägt immer dieselbe Farbe hier, vielleicht liegt der Bahnhofsschatten zu schwer auf ihr. Diese Tristesse ist nicht aufhebbar, mit dem Tränenpalast gegenüber hat sie nichts zu tun. Das ist schön. Das hat Eigensinn. Aber springen muss man heute im Ernstfall woanders, schon wegen der vielen Sonnenschirme. Was haben andere Städte für Flüsse und Cafés an Flüssen, sogar Bonn!

Die meisten Schirme gehören natürlich der Ständigen Vertretung. Die Ständige Vertretung ist unter soziologischem Aspekt sehr interessant. Der Osten soll eine Gleichmachergesellschaft der Gleichgemachten gewesen sein? In der Ständigen Vertretung sitzt der Massenmensch an Massentischen und ist dabei so glücklich, wie der Kommunismus sich das immer gewünscht hat. Vom Vaporetto aus lässt sich das gut beobachten, das ist nie voll. Nur Joseph Beuys schaut immer in die Spree. Die Situation in der Ständigen Vertretung unterscheidet sich von der im Kommunismus insofern, als dass man Erstere rein theoretisch verlassen könnte. Das macht aber keiner.

Natürlich lässt sich auch die Geschichte des Kommunismus anhand des Schiffbauerdamms erzählen. Am anderen Ende, also vier, fünf Kneipen weiter, schon direkt neben dem Berliner Ensemble, ist das Ganymed. Im Ganymed erklärte Heiner Müller einst Wolfgang Harich, dass er Georg Lukács schon ziemlich faschistoid finde. Worauf Harich sein Rotweinglas in der Hand zerdrückte. Eine typische Geste des Revolutionärs im nachrevolutionären Zeitalter. Heute käme so etwas nur vor, weil man von Menschen, die solche Preise zahlen wie im Ganymed, auch andere Eigentümlichkeiten erwarten muss.

Obendrüber wohnte in seinen letzten Jahren Thomas Brasch, er schrieb dort sein Großdelirium „Brunke“, mehrere tausend Seiten. Brasch, eine Dramatikergeneration nach Müller, zwei Dramatikergenerationen nach Brecht und unrettbar. Von Brecht zu Brasch, was für ein Lehrstück! „Vor den Vätern sterben die Söhne“, heißt sein wohl bekanntestes Buch. Eigentlich wohnte Brasch zuletzt nicht nur über dem Ganymed, sondern mehr noch im Ganymed.

In einem Artikel über den Schiffbauerdamm sollte unbedingt etwas Positives über den BE-Intendanten Claus Peymann stehen. Punkt eins. Claus Peymann hat Thomas Brasch Auftragswerke fürs BE schreiben lassen, als der kaum noch in der Lage war, solche anzunehmen, und sich dabei geduldig von ihm beschimpfen lassen, nicht zuletzt als Payman. Punkt zwei. Claus Peymann hat den einstigen Intendanten des Deutschen Theaters Thomas Langhoff mit dem halben einstigen Ensemble des Deutschen Theaters Gorkis „Nachtasyl“ inszenieren lassen. Alexander Lang als Gorkis Spieler Satin! Christian Grashof als Pilger Luka!

Wenn wir früher kurz vor Mitternacht in den Trichter einfielen, kamen wir fast immer von den Weltauf- und Untergängen im Deutschen Theater, selten aus dem Brechtmuseum BE. Der Trichter ist heute das Engelbrecht. Es hat keine Ähnlichkeit mehr mit sich selbst. Jedes Mal beim Vorübergehen schaue ich unwillkürlich hinein. Die kleine Tänzerin an der Stirnwand hinten ist nicht mehr da. Ich weiß es und bin doch jedes mal wieder überrascht. Irgendwann – es war schon vor 1989 – nahmen sie die alten Brecht-Fotos ab, schafften die alten Stühle raus, auch den Laubengang, und übermalten die kleine Tänzerin. Dass man Orte so auslöschen kann!

Der intellektuelle Anspruch sowie die Preise steigen am Schiffbauerdamm von links nach rechts, Endpunkt Ganymed. Aber nun kommt – dies ist eine Brechtstraße! – der dialektische Umschlag: In der BE-Kantine kann man für unter 5 Euro essen! Und gar nicht schlecht. Hier hat früher Biermann gesungen, als er Auftrittsverbot hatte, eine Kantine ist schließlich keine Bühne. Vor den Vätern sterben die Söhne? Von Großvätern und Ururgroßvätern war nie die Rede. „Wer noch lebt, sage nie niemals!“ Dieses furchtbare Pathos noch im geringsten Aussagesatz. Mein Gott, Brecht! Aber als Ermutigung an das Uralter ist es in Ordnung. Auf der Bühne steht ab Ende Juli Johannes Heesters, 106 Jahre.

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