Kultur : Berliner Literaturhaus: Stadt - Raum - Text: eine Gesprächsreihe

Katrin Hillgruber

In der frühen DDR hätte sich Stefan Heyms Roman "Die Architekten", eine Studie über den korrumpierenden Einfluss der Diktatur auf die (Bau-)Kunst, von der antistalinistischen Brise zum gefährlichen Sturm entwickelt. Deshalb wurde das Buch jahrzehntelang auf Eis gelegt; in diesem Herbst konnte es endlich erscheinen. Der Architekt Hans Kollhoff erinnerte seinerseits an die Schimpftiraden in Thomas Bernhards "Alte Meister" auf seine großen Wiener Kollegen Adolf Loos und Otto Wagner, Schöpfer des Jugendstiljuwels Postsparkassenamt im ersten Bezirk. Hass und Bewunderung den Vorbildern gegenüber liest Kollhoff aus den Bernhardschen Anwürfen heraus: Die Pflicht, den Maßstab zur Kenntnis nehmen zu müssen, um zu überleben, ihn gleichzeitig meucheln zu müssen, um selbst arbeiten zu können. "Doch heute will die Architektur nicht mehr beispielhaft sein, darin liegt ein großes Problem", meint der neue Meister Kollhoff.

Gemütsaufwallungen wie bei Bernhard sind im traditionell spannungsreichen Verhältnis zwischen Architekten und Schriftstellern selten geworden. Zwar behauptete Renzo Piano, ein Projekt wie das DaimlerChrysler-Gebäude auf dem Potsdamer Platz sei im Grunde nichts anderes als das Schreiben eines Romans, doch die Eröffnungsveranstaltung der Reihe "Stadt - Raum - Text" enthielt sich solch kühner Analogien. Hier hatte mit Michael Rutschky ein Vertreter der "Generation Altbauwohnung" das Wort. Die Diskussion über "Die europäische Stadt - Ein Phantom?" geriet zu einer weitgehend berlinischen, wenn nicht gar bezirklichen Angelegenheit: Rutschky beklagte die Demontage der Bänke vor dem Kreuzberger Rathaus, wo Sozialhilfeempfänger bislang feuchtfröhlich ihren Zahltag begingen.

Der Architekturkritiker Gerwin Zohlen, der die vier Abende zusammen mit dem Literaturhaus Berlin und der Bertelsmann Buch AG konzipierte, spannte in seiner souveränen Moderation Hans Kollhoff und den Lyriker Durs Grünbein als "Meister der Amplifikation" begrifflich zusammen. Beiden geht es um die Beherrschung und Bewahrung alter Stilformen, ohne deshalb reaktionär zu sein, beiden ist die Rehabilitierung der Stadt ein Anliegen. Kollhoff beklagte die "beängstigend leer gelaufene Moderne" in der Baukunst, Grünbein forderte die Rückkehr zu anthropomorphen, am Menschen orientierten Dimensionen bei der Stadtplanung, wie sich beispielhaft in der Piazza del Campo in Siena offenbare - einladend liegt das Herz der Stadt in einer Mulde. Der bundesrepublikanische Konsensbereich Fußgängerzone ist allenfalls ein müder Abklatsch davon.

Europa außerhalb des städtebaulichen Laboratoriums Berlin fiel bei dieser Diskussion durchweg unter den Tisch. Michael Rutschky ging von seiner Kreuzberger Altbauwohnung aus, vom eigenen Haus, das in seiner Wahrnehmung "durch Wohnen fast zum Verschwinden" gebracht wurde. Er folgte der These Max Webers, für den die Stadt den Ausgangspunkt der Individualisierung darstellte, um dann rasch wieder zur Generationserfahrung der Eroberung des wilhelminischen Altbaus rund um den Chamissoplatz zurückzukehren. Im alten Haus mit den hohen Räumen lässt es sich am besten von der Moderne träumen. Alt oder neu als Klassenfrage: Rutschky und seine "Kader" mussten in den 70er Jahren erst einmal Zwischendecken und Holzwände aus ihren Zimmerfluchten entfernen. Kleinbürger hatten sie eingezogen, um es sich gemütlich zu machen. Kleine Wohnungen seien schließlich leichter sauber zu halten: So ging es kleinteilig weiter. "Ob es einen Stadtplaner gibt, der sich traut, die Zerstörung des Gehens in unseren Fußgängerzonen einzugestehen?" fragt sich Wilhelm Genazino in seinem Postkarten-Buch "Aus der Ferne". Das verspricht für den zweiten Abend den ersehnten Schritt ins Offene.

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