Kultur : Berliner Literaturwerkstatt: Danke für die Blumen

Ulrike Baureithel

"Oft sind Leute aus Gegenden, die Straßen ausschließlich mit Dichter-, Musiker-, Malernamen aufweisen, besonders stolz auf ihre Adresse." Verständnisinniges Nicken am von Grabbe und Tschaikowski eingerahmten Majakowskiring. "Was", so spinnt Brigitte Kronauer den Gedanken fort, "wird man sich aber vorstellen unter einem Gebiet, wo auf engstem Raum das Straßennetz allein Flora in bürokratischer Beschwörung huldigt: Stiefmütterchenweg, Geranienweg, Akeleiweg, Wiesenrautenweg, Löwenzahnweg, Kamillenweg." Während sich das Publikum in der Pankower Literaturwerkstatt noch auf dem ausgebreiteten Blumenteppich fortträumt, in sommerlicher Erinnerung an Mohnrot vielleicht und Kamilleduft, hat die Literaturkritikerin Sibylle Cramer in der Szenerie bereits den "Zusammenstoß der Romantik mit der entfremdeten Natur" ausgemacht.

Derlei analytische Kurzschlüsse sind es, die Autoren und ihre Kritiker in einen permanenten Stellungskrieg versetzen: Unauflöslich zusammengespannt, sehen sich die einen zur einzig wahren Interpretation aufgerufen, die von der anderen Seite bestenfalls als Missverständnis zurückgewiesen wird, wenn sie sich nicht gar in literarischen Plauderstunden verballhornt sieht. Verstanden fühlen sich Autoren von ihren Kritikern selten, weshalb sich die Literaturwerkstatt zu einer Zusammenführung entschlossen hat, die "Licht in das Dunkel" dieser problematischen Beziehungskiste bringen soll.

Die bedeutungsschwangere Einführung in Kronauers Roman "Teufelsbrück" (mittlerweile in den Bestenlisten weit aufgerückt) durch Sibylle Cramer widerlegte zumindest die gängige Meinung, Kritiker urteilten "subjektiv geschmäcklerisch" und "ohne theoretischen Hintergrund". In der halbstündigen Eloge breitete die Kritikerin ihr Bildungswissen aus, das von Plato über Breughel (dem Älteren) und Don Quijote, die Romantiker bis zu Elias Canetti reichte und auch mit literaturwissenschaftlichem Erstsemesterwissen (wer hätte sich nicht an der Differenz von "erzählter Zeit" und "Erzählzeit" abgearbeitet?) nicht geizte.

Das "Bewusstseinsdrama" (Cramer) der Maria Frauenlob, die im Elb-Einkaufszentrum in Hamburg über Zara und Leo stolpert und damit in ähnlich neue Erkenntiszonen des Seins wie schon Plato und Canetti, hat die Kritikerin so beeindruckt, dass sie es als "Meisterwerk erzählerischer Dichte" pries, das nicht einmal sie, die Kritikerin, ganz zu durchschauen vermöge.

Bei so viel Huldigung wollte ein Streit so recht nicht aufkommen, obwohl sich die vergleichsweise muntere, unprätentiöse Kronauer redlich um Bodenhaftung bemühte auf dem kulturkritischen Grund, den ihr die Kritikerin vorbereitet hatte. Das Problem der Literaturkritik, begegnete sie sanft der "Feier" ihres Romans, bestehe in der Schwierigkeit, Texte zerlegen zu müssen und gleichzeitig den "naiven Blick" zu bewahren, den sie sich herübergerettet habe von ihrem Großvater, der romantische Gedichte zitierend durchs Leben ging. Kronauers "Magie der Poesie", ihr Angebot an Abschweifungen in endlosen Satzschleifen, ist nicht nur eine Absage an die Richtschnüre der aktuellen amerikanischen Literatur, sondern sie entzieht sich bis zu einem gewissen Grad auch der Aufklärung, zuvörderst durch ihre weihevolle Kritikerin.

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