Berliner Luft : Neuer Berlin-Bildband

"Berliner Luft": Zwei Fotografen zeigen in einem Bildband die skurrilen Seiten der Hauptstadt.

Laura Backes

Zwei alte Herren in Mantel und Hut, der 70. Geburtstag liegt wohl schon länger zurück, steigen aus einem blauen Trabbi. Im Hintergrund Fernsehturm und Plattenbauten, deren gelbe Balkone Farbtupfer am sonst strahlend blauen Himmel bilden. „Ich muss sagen, siehst richtich schnieke aus, Berlin“, ist einem der Herren in den Mund gelegt. „Nu mal sachte mit de jungen Ferde“, grummelt sein Begleiter. Berlin verändert sich, sagt die Momentaufnahme. Diesen Prozess nehmen selbst derlei Urgesteine wahr, deren Erinnerungen sich vor allem aus einer Zeit speisen, als noch die Mauer stand.

Abgebildet ist die Szene in dem Fotobuch „Berliner Luft“ der beiden Fotografen Dennis Orel und Benjamin Tafel. Darin gesammelt sind Berliner Motive: ein Nachtclub, Punks am Alexanderplatz und Clärchens Ballhaus – lauter Orte, die das Phänomen Berlin ausmachen für Gäste ebenso wie für langjährige Bewohner. Hinter dem Fotobuch steckt das Konzept, die Aufmerksamkeit auf unkonventionelle Wahrzeichen zu lenken oder altbekannte Sehenswürdigkeiten untypisch zu inszenieren. Das Ergebnis ist erfrischend gelungen.

Auf die Idee, einen Bildband über die Stadt zu machen, kamen Dennis Orel und Benjamin Tafel vor rund zehn Jahren, als es sie beruflich nach Berlin zog. Geboren sind beide Ende der siebziger Jahre in Stuttgart. In Weimar haben sie studiert. Bis heute haben sie sich den Blick von außen bewahrt. Gerade ihn hält Orel für einen Vorteil. Er glaubt, immer noch Motive entdecken zu können, „die der ein oder andere Berliner im Alltag übersieht“. Nach ihrem Grafikdesign-Studium mit Schwerpunkt Fotografie an der Bauhaus-Universität war ihnen Berlin wie ein anderer Planet vorgekommen, erinnern sie sich. Doch auf dem Büchermarkt habe es überraschenderweise nichts gegeben, was ihrer Faszination gerecht wurde, ihre Begeisterung für die Stadt angemessen widerspiegelte.

Also hielten die beiden Fotografen zwei Jahre lang alles Interessante fest. Aus dem Material machten sie 2004 ein Fotobuch, schon damals mit dem Titel „Berliner Luft“. Nachdem die zweite Auflage vergriffen war, kam es für Orel jedoch nicht in Frage, mit den gleichen Motiven erneut in Druck zu gehen: „Berlin verändert sich auf so rasante Weise, das wäre nicht mehr zeitgemäß gewesen. Also haben wir den Zähler auf Null gestellt und noch einmal ganz neu angefangen.“ Kein Wunder also, dass die Neuauflage den Hauptaugenmerk auf die Veränderungsprozesse der Hauptstadt legt. Laut Orel werden dabei die Kontraste immer stärker: „Das Phänomen der Ostalgie wird seltener thematisiert als noch vor zehn Jahren. Der Alexanderplatz verändert sich total, und gleichzeitig leben ein paar Straßen weiter noch die gleichen Mieter in Plattenbauten wie vor der Wende. Das macht die Stadt so besonders.“

Der Kontrast zwischen Wandel und Stagnation wird deutlich, wenn man die unterschiedlichen Motive betrachtet. Auf einem Bild ist eine junge Russin beim Shopping auf dem Ku’damm zu sehen. Ihre Kleidung ist perfekt abgestimmt und offensichtlich teuer. Der Betrachter kann nur ahnen, wie viel der Inhalt ihrer braunen Papiertüte mit den Einkäufen wert ist. „Während der Vorbereitungszeit des ersten Bandes hörte man hier noch kaum Russisch, heute überwiegt es an manchen Tagen“, stellt Orel fest.

Das gegenteilige Bild bietet der Spreepark. Zwischen dem Erscheinungsdatum des ersten und zweiten Bandes hat sich hier nichts verändert. Achterbahn und Karussells liegen verwaist am Spreeufer. Die bei Nacht abgelichtete verlassene Wildwasserbahn wirkt unheimlich, erinnert an die Neverland-Ranch von Michael Jackson. Einzig die zwei Dutzend Bewohner der historischen Western-Stadt hauchen dem Areal Leben ein. Der Bildband druckt ein Wild-West-Pärchen ab in voller Montur vor seinem Häuschen im Stile des späten 19. Jahrhunderts. In einem Fotobuch über Berlin wirkt die Szene zunächst fehl am Platz, scheint inszeniert. Und doch befinden sich die beiden in ihrer natürlichen Umgebung mitten in Berlin, einer Nachbarschaft, die selbst Ur-Berlinern nicht weniger fremd ist als irgendeine andere Kultur in der Stadt mit den meisten Ethnien.

Die Fotografen selbst haben sich in der Zwischenzeit ebenfalls verändert, ihr Stil wirkt heute ausgereifter und professioneller. 2004 erinnerten ihre Aufnahmen noch an Schnappschüsse, spontan aufgenommen. Heute merkt man ihren Bildern an, dass die Szenen detailliert ausgearbeitet sind. „Wir haben vor allem mit unterschiedlichen, teils sehr aufwendigen Lichtkompositionen experimentiert, die wir im Nachhinein am Computer belichtet haben“, erläutert Orel die komplizierte Vorgehensweise.

Wie im ersten Band sind die Fotos kommentiert. Doch selbst bei skurrilen Motiven haben sich die beiden Fotografen um möglichst neutrale Einordnungen bemüht, über Adressangaben kommen sie kaum hinweg. So funktioniert „Berliner Luft“ nur im weitesten Sinne als Stadtführer. Eher ist das Buch gelungenes Zeugnis der Veränderungen in der Hauptstadt, eine Auswahl der Normalitäten und Skurrilitäten, deren Nebeneinander Berlin so einzigartig machen.

Der Band „Berliner Luft“ von Dennis Orel und Benjamin Tafel erscheint bei Hatje Cantz (256 S., 16,80 €).

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