Berliner Luisenstadt : Die Mauer lebt

Dieter Hoffmann-Axthelm spaziert durch die Berliner Luisenstadt. Das Gebiet in Mitte und Kreuzberg zwischen Lindenstraße und Spree wurde von der Mauer geteilt.

Zwanzig Jahre Mauerfall, das sind auch zwanzig Jahre beharrliche Bemühungen von Berliner Bezirken und mauernahen Bewohnern, den verschwundenen Schutzwall mit anderen Mitteln wiederzuerrichten. Und zwanzig Jahre ebenso beharrliche Bemühungen, das zu verhindern. Da gibt es zum Beispiel den Luisenstädtischen Bürgerverein, 1990 gegründet, um zwischen Lindenstraße und Spree die Bewohner von Ost und West wieder zusammenzubringen – mit der historischen Luisenstadt als identitätsstiftendem gemeinsamem Nenner.

Die Bezirkseinteilung des Groß-BerlinGesetzes von 1920 hatte mitten durch die jahrhundertealte Luisenstadt die Grenze zwischen Mitte und Kreuzberg gezogen, woraus nach 1945 eine Zonengrenze wurde, dann eine Staatsgrenze und ab 1961 die Mauer. Der Verein hat sich über Jahre für grenzübergreifende Projekte eingesetzt; an einem wesentlichen Punkt aber, der Wiederherstellung der durch die Mauer abgeschnittenen Verbindungswege zwischen Ost- und West-Berlin, ist er gescheitert.

Es lohnt sich, auf einem Spaziergang Feldforschung zu treiben. Beginnen wir am Engelbecken: Die wundervolle Anlage Erwin Barths aus den 20er Jahren ist in Mitte weitgehend wiederhergestellt. Das Projekt bricht an der ehemaligen Grenze abrupt ab: Kreuzberg verteidigt seinen Status quo. Wenige Schritte weiter westlich, und man steht vor dem Sperrwerk Dresdener Straße, Ecke Luckauer und Waldemarstraße. Die Dresdener Straße ist, wie schon der Name sagt, eine der alten Ausfallstraßen Berlins, eine Hauptstraße und Entwicklungsachse der Luisenstadt schlechthin. Kaum war die Mauer weg, errichtete der Bezirk Kreuzberg seine eigene Grenzbefestigung, eine Doppelreihe von Pflanzkübeln quer über die Straße. Bis heute.

Westlich von Prinzenstraße und Heinrich-Heine-Straße geht es weiter: Sperrung der Sebastianstraße, diesmal durch den Bezirk Mitte, mittels eingerammter Stahlstäbe und Schwellen. Anschließend folgt entlang der Straße die Grünmauer des alten Bezirks Kreuzberg, die bis zur Alten Jakobstraße reicht und zwischendurch auch die Alexandrinenstraße absperrt, die jenseits der „Grenze“ als Stadtstraße noch nicht wieder geöffnet ist.

Mittlerweile hat der Bürgerverein erreicht, dass der Senat Mittel für eine bezirksübergreifende Planung zur Verfügung stellt. Der Bezirk Mitte vollzieht inzwischen unter seinem neuen Stadtbaurat eine Wendung und will das Grenzgebiet entwickeln – was ohne Wiederherstellung der alten Verbindungen kaum sinnvoll wäre. Auch im Stadtplanungsamt Kreuzberg-Friedrichshain gibt es gewiss ähnlich denkende Leute, aber der grüne Bezirksbürgermeister stellte von Anfang an klar: Planen ja, Veränderung nein. Auch nicht am Moritzplatz, wo die Stallschreiberstraße eine weitere Verbindung bilden könnte, ist sie doch vom Spittelmarkt und von der Leipziger Straße her längst wieder zugänglich. Aber es fehlt das letzte Stück, die Wiederherstellung der alten Einmündung in den Moritzplatz.

Im Wedding sieht es übrigens nicht viel besser aus: Die Grenzbefestigungen an der Ackerstraße, Ecke Bernauer Straße können es mit denen in Kreuzberg aufnehmen. Auch hier dienen Straßenmöbel, Grünstreifen und andere Verkehrssperren als neue Mauer. Ein Beitrag zum dortigen Mauermahnmal? Nein, eine fatale Fortsetzung der alten Abschottungspolitik, die die zu Mauerzeiten getrennten Bewohner zwanzig Jahre nach dem Mauerfall noch immer vor Austausch und Vermischung bewahrt. Die Mauer lebt.

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