Kultur : Berliner Lust

UWE FRIEDRICH

Was passiert eigentlich, wenn das Orchester schon gegangen ist, das Publikum aber begeistert weiter applaudiert? Die Musiker der Deutschen Kammerphilharmonie mußten wohl oder übel zurück aufs Kammermusiksaal-Podium.Ein Programm aus musikgeschichtlichen Fußnoten (und Schönbergs 2.Kammersinfonie) hatte zu dieser Begeisterung geführt: Süßmayr, Vranick¿y und Wagenseil sind unbekannte Mozart-Zeitgenossen, Hellmesberger, ein Salonkomponist des 19.Jahrhunderts.Schon bei den ersten Tönen der Süßmayr-Ouvertüre ist klar: Das wird ein spannender Abend.Gérard Kosten nimmt seine Aufgabe als Dirigent von der sportlichen Seite; mit weit ausholenden Gesten formt er die Musik und sieht dabei schon mal aus wie ein Kind, das am Rande der Familienhochzeit mittanzt - sehr drollig, wie die Frackschöße auf und ab hüpfen.Doch diese Gesten sind keine aufgesetzte Show, sind vielmehr aus der Musik geboren und animieren das Orchester zu virtuosem und fein differenziertem Spiel.So bekommt Paul Vranick¿ys D-Dur-Sinfonie im ersten Satz plötzlich an Rossini erinnernden Schwung, die "russischen" und "polnischen" Tanzsätze sind fern von folkloristischen Klischees.Bei diesem homogenen Zusammenspiel der Individualisten ist auch ein Fortissimo nicht selbstverliebte Kraftmeierei, sondern logisch entwickelte Spannungsauflösung.Selbst Joseph Hellmesbergers "Ballszene" wird in diesen Händen zu Musik, dabei ist es nur eine umgearbeitete Violinetüde, also aus dem Stoff gemacht, den jeder Geigenschüler haßt.Das Ereignis des Abends ist die Cellistin Tanja Tetzlaff.Sie nimmt Georg Christoph Wagenseils Cellokonzert so ernst als handele es sich um eines der Haydn-Konzerte.Mit sanftem Rubato heizt sie das Werk erotisch auf und hebt es mit großem Ton, elegisch und doch sehr persönlich gefärbt, in wunderschöne und todtraurige Sphären.

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