Kultur : Berliner Männerensemble: Jesus liebt sich

Doris Meierhenrich

Taufwasser steht nirgends auf der Spielfläche. Auch flackert kein Feuer in irgendeiner Bühnenecke. Überhaupt sucht man vergebens nach biblischen Heiliggeistbildern im Theater Zerbrochene Fenster, einer Kreuzberger Hinterhofbühne. Das ist deshalb bemerkenswert, weil 13 Männer hier ein Stück proben, das "Corpus Christi" heißt. In seinen Regieanweisungen hat der Autor Terrence McNally eigentlich Feuer und Wasser als Bühneninventar vorgeschrieben. "Corpus Christi" ist jenes umstrittene Stück, das seit seiner Uraufführung am Broadway vor zwei Jahren christliche Kirchen, muslimische Gruppen und konservative Politiker gegen sich aufgebracht hat. Bombendrohungen begleiteten die deutsche Erstaufführungen in Heilbronn vor einem Jahr, Gastspiele der Truppe in Karlsruhe und Pforzheim wurden abgesagt.

"Corpus Christi" erzählt die Passionsgeschichte Jesu aus der Perspektive des gläubigen Katholiken und bekennenden Schwulen McNally. Jesus heißt jetzt Josua, lebt in der südtexanischen Kleinstadt Corpus Christi, in der auch McNally aufwuchs, und ist natürlich schwul. Was sonst passiert, steht schon in der Bibel: Josua liebt alle Menschen, und lehrt, dass jeder Mensch Göttliches in sich trägt. Er heilt Kranke durch Handauflegen und und zaubert Fische herbei. Josua hat nicht nur den göttlichen Auftrag, für alle Entrechteten zu sterben, er ist selbst einer. Im Grunde ist "Corpus Christi" ein urchristliches Lehrstück oder zumindest eine "moderne Bibelstunde", wie Jan Oberndorff, der Regisseur der Berliner Aufführung, sagt. Die meisten Bibelpassagen hat er gestrichen, er will das Stück auf das politische Klima in Deutschland beziehen.

Vor vier Jahren hat Jan Oberndorff zusammen mit Frank Giesker das Berliner Männerensemble gegründet. Der Name bringt das Konzept auf den Punkt: Alle Rollen werden von Männern gespielt. Die Shakespeare-, Goldoni- und Euripides-Inszenierungen der Truppe waren Highlights der Berliner Off-Theaterszene. McNallys Stück, erzählt Oberndorff, hätte ihn schon lange interessiert. Nicht wegen seines besonders religiösen oder besonders homosexuellen Gehalts, sondern wegen seiner Gesellschaftskritik. Rührselig findet er das Stück auf keinen Fall. Dass Josua schwul ist, ist für Oberndorff nicht das Wichtigste: "Es steht pars pro toto für alle, die diskriminiert und ausgegrenzt werden, für alle, die von frustrierten Gesellschaftsschichten zu Sündenböcken gemacht werden". Fäden zu den Anschlägen von Düsseldorf und Dessau zu spinnen, ist ein Ziel seiner Inszenierung.

Von der Bühne dringt Klaviermusik in den Requisitenverschlag, in dem Oberndorff vor Probenbeginn hockt. Die Schauspieler singen sich ein: "Let the sunshine, let the sunshine in". Der alte Hit aus "Hair". Dabei ist das Männerensemble bei den Vorbereitungen zu "Corpus Christi" von der Dämmerung eingeholt worden. Im Juli traf eine Mitteilung des Beirats der Berliner Senatsverwaltung für Kultur bei den Theatermachern ein: Die Basisförderung für die nächsten zwei Jahre war gestrichen, 150 000 Mark weniger. Die Streichung bedeutet das Aus für die Gruppe. Mit "Corpus Christi" verabschiedet sich eines der besten Berliner Off-Theater endgültig ins Off.

Zwar hatte die Entscheidung des Kulturbeirats, wie Oberndorff versichert, nichts mit ihrem Plan zu tun, das Skandalstück aufzuführen. Doch die Begründung des Beirats erinnert die Männer des Ensembles in manchen Passagen durchaus an die Richtersprüche im Stück. Seit ihrer Produktion der "Bakchen" im Frühjahr letzten Jahres, ist dort zu lesen, sei die Arbeit des Berliner Männerensembles von "homosexueller Herumtendelei" geprägt. Die ästhetischen Qualitäten der Inszenierungen seien dadurch "ins Förderungsunwürdige gesunken". Für Oberndorff und Giesker spricht diese Wortwahl eine deutliche Sprache: pure Diskriminierung.

Giesker sucht eine Erklärung. Tatsächlich hat das Männerensemble im März letzten Jahres mit "The one you love" von Tim Luscombe erstmals ein Stück aufgeführt, das direkt von schwuler Sexualität handelt. Anschließend habe sich in der öffentlichen Zuneigung "eine Wende vollzogen". Je deutlicher sie Homosexualität zum Bestandteil ihrer Stücke machten, so Gieskes Eindruck, desto schlechter wurden sie beurteilt. Und wofür sie zu Anfang hoch gelobt wurden, nämlich die ausschließliche Männerbesetzung, werde nun als "homosexuelle Herumtendelei" abgetan.

"Ausdrücklich schwules Theater wollten wir nie spielen", insistiert Oberndorff, aber ein "gezielt unschwules Theater" sollte es auch nicht sein. Der Regisseur macht keinen Hehl aus seiner Homosexualität, das Ensemble aber besteht keinewegs nur aus Homosexuellen. Auf die Frage, ob sie in "Corpus Christi" nun eigentlich nur noch sich selbst spielen, antwortet er knapp: "Zunächst spielt man immer sich selbst". Oberndorffs Inszenierung aber findet auf vielen Ebenen statt. Je mehr Realität da hinein dringt, um so besser. Aus dem Bühnenraum nebenan schallt es wieder "Let the sunshine, let the sunshine in". Und Oberndorff verschwindet zur Hauptprobe mit dem Satz "ein zweites Oberammergau ist das hier sicher nicht". Soll heißen: kein Passionsspiel.

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