Kultur : Berliner Maler: Melancholie der Vögel

Ronald Berg

"Widersprüchlich" ist das am häufigsten gebrauchte Wort, mit dem Wolfgang Frankenstein die unmittelbaren Nachkriegsjahre bezeichnet. "Der Krieg war zu Ende, aber man konnte sich nicht freuen, man hatte schon wieder Angst vor einem dritten Weltkrieg", sagt der schmächtige Mann mit der lässigen Lederjacke. Frankenstein, der heute vor 83 Jahren in Berlin geboren wurde, ist ein Zeitzeuge jener Stunde Null, in der auch der Kunstbetrieb in Berlin wieder Fuß fasste.

In der Galerie von Gerd Rosen am Kurfürstendamm / Ecke Uhlandstraße kulminiert das Berliner Kunstleben der Nachkriegszeit. Hier werden die verfehmten Modernen und jungen Talente ausgestellt, hier diskutieren Künstler, Kritiker und Professoren über die Aufgaben der Kunst. Frankenstein, der als "Halbjude" nach einem Selbstmordversuch in einer psychiatrischen Klinik den Krieg überlebt hat, ist Teil jenes Kreises um die Galerie Rosen. Zunächst als ausstellender Künstler, von 1948 bis 1951 als künstlerische Leiter der Galerie.

Eine Auswahl von Frankensteins Gemälden und Zeichnungen jener Jahre zeigt jetzt die Berliner Galerie Raab. Begleitet wird Frankensteins Frühwerk von Arbeiten seiner damaligen Kollegen, darunter Camaro, Kurt Lahs, Werner Heldt, Gerhard Altenbourg, und einigen Zeitdokumenten. Frankenstein arbeitete nicht nur bei wichtigen Kulturzeitschriften wie "Athena" oder Alfred Anderschs'"Ruf" mit, sondern gehörte 1948 auch zu den Gründern des Kabaretts "Die Badewanne", wo er in den Programmpausen als "Selbstmörder" auftrat, mal mit Gift, mal mit dem Strick. Die makaber, groteske Note entsprach durchaus dem Zeitgefühl der späten vierziger Jahre. Der Tod musste ausgelacht werden, war er doch allen Überlebenden noch hautnah gegenwärtig.

Auf Frankenstein Bildern macht sich diese melancholische Grundstimmung in tiefen Blautönen bemerkbar. Viele seiner Gemälde sehen auf den ersten Blick aus wie Unterwasserlandschaften ("Der Seestern", 18 000 Mark). Vielmehr aber sind sie groteske und absurde Abbildungen einer Welt, die im Nirgendwo zwischen verfremdetem Alltag und düsteren Träumen angesiedelt ist. Kafka spielt damals für viele Künstler eine bedeutende Rolle. In den Texten des Prager Dichters findet Frankenstein die eigene Zeit beschrieben, der der Sinn abhanden gekommen scheint, und in der die Hoffnung nicht recht weiß, worauf sie sich richten soll - Kafka ist Chiffre für die Bewältigung des Sinnlosen. Oft wiederholt sich auf Frankensteins Bildern aus jener Zeit der "Vogel im Käfig" (20 000 Mark): Ein kubisch, kristallines Gebilde, eine abstrahierte Konstruktion, die formal entfernt von Picasso inspiriert sein könnte, inhaltlich aber die drückende Stimmung der Nachkriegsjahre deutlich macht. Auch die "Schweren Vögeln" (16 000 bis 18 000 Mark), haben sich zwar in die Lüfte erhoben, und schweben immerhin im lichten Himmelblau, aber frei davonflattern können sie nicht. Die Farben auf den Bildern, die gegen Ende der vierziger Jahre entstehen, haben sich etwas geklärt, doch die Skepsis sei geblieben, erinnert sich Frankenstein heute.

1950 bis 53 unternimmt Frankenstein Reisen nach Holland, Frankreich und Italien. "Zurück in Berlin entschloss ich mich, meine figürlichen Studien wieder aufzunehmen", heißt es in Frankensteins Erinnerungen, die im umfangreichen Katalog abgedruckt sind. 1953, auf dem Höhepunkt der Formalismusdebatte in der DDR, die die Moderne zugunsten des sozialistischen Realismus verwirft, geht Frankenstein nach Ostdeutschland, um Wandbilder in Fabriken und Heimen zu malen, um ein Zeichen gegen die Ungleichheit zwischen Arm und Reich zu setzen. Die Verdammung der Modernen, zu denen er eben noch selbst gehörte, habe er in der Zeit nicht ernst genommen. 1962 wurde Frankenstein in Greifswald Professor, 1968 bis 1983 sogar Leiter des Instituts für Kunsterziehung an der Humboldt-Universität. Erst zehn Jahre später wird der im Westen vollständig Vergessene 1993 von der Berlinischen Galerie als Gesamtberliner Künstler mit einer Retrospektive wiederentdeckt. Sie präsentiert einen Maler, dessen "formalistische" Frühphase, jene surreal-abstrakte Bilderwelt, derentwegen er heute als einer der Protagonisten des künstlerischen Wiederaufbaus nach dem Krieg gewürdigt wird, aufgibt, um im Schutze der Mauer ältere Stilformen zu kultivieren, vor allem die zum "humanistischen Erbe" gezählten Maler Dix, Beckmann oder Kokoschka.

Frankensteins frühe Bilder zeigen eine andere Welt. Sie zeichnen das Bild einer Epoche, die auf eine Lösung noch wartete und dem Leben wieder Sinn abgewinnen wollte. Diese Haltung führte Frankenstein zum Einverständnis mit dem vermeintlich besseren Deutschlands im Osten. Der Schwebezustand zwischen Melancholie und Groteske, den Frankensteins "Schweren Vögel" symbolisieren, antwortet auf die Widersprüchlichkeit des Lebens besser als jede noch so gut gemeinte Lösung.

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