Kultur : Berliner Museumsinsel: Gemeinsam trainieren, getrennt diskutieren

Michael Zajonz

"Wir sind antiquarisch geworden." So charakterisiert Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen, den bis Anfang November präsentierten Masterplan für die Berliner Museumsinsel (Tagesspiegel vom 23.9.). Bis 2010 werden mindestens zwei Milliarden Mark verbaut, um die fünf Altbauten und das neu zu errichtende zentrale Eingangsbauwerk für den Ansturm der voraussichtlich fünf Millionen Besucher pro Jahr zu wappnen. Angesichts dieser Zahlen erscheint Schusters Aperçu kühn. Dem Wiederspruch zwischen Understatement und Investition spürt das Begleitprogramm zur Ausstellung im Neuen Museum nun nach.

Eröffnet wurde der Veranstaltungsreigen mit zwei Podiumsdiskussionen, in denen Architekten und Denkmalpfleger ihre Sicht darlegten. Eines gilt für die Ära Schuster schon jetzt: Die Teilhabe der Öffentlichkeit am laufenden Planungsprozess hat den Diskussionen um die Zukunft der Berliner Museen viel von ihrer Schärfe genommen. Dabei birgt der mit berechtigtem Stolz vorgestellte Masterplan auch nach der Qualifizierung der letzten Monate viel Zündstoff.

Der Masterplan reagiert auf das 1994 gescheiterte Projekt Frank Gehrys, die Insel mit einem Geflecht organisch wuchernder Anbauten zu überziehen. Das fehl gezündete Feuerwerk des Kaliforniers lässt die beauftragten Architekten noch immer auf ihrer dienenden Rolle bei der Sanierung beharren. Doch der Raumbedarf der Museen verlangt ein beträchtliches Neubauvolumen. Eine Prise Gehry ist gleichsam unter Tage gesackt: Die vier am Kupfergraben gelegenen Häuser werden mit der "archäologischen Promenade", einem teils unterirdischen Parcours, verbunden. Sie ist nicht ohne empfindliche Eingriffe in das Alten Museum und das Pergamonmuseum zu haben.

Auf dem Packhofareal tritt der museale Höhlenzauber machtvoll ans Licht: Dort baut David Chipperfield ab 2002 das neue Eingangsbauwerk, um Massenpublikum gezielt in den "Schnellrundgang" des Pergamonmuseums und Individualisten in die "Promenade" zu lenken. Die moderne Museumsmaschine soll das ebenfalls von Chipperfield ergänzte Neue Museum entlasten. Mehr als Proportionsstudien sah man bislang nicht, doch plant der Architekt ein Haus, dass räumliche wie ästhetische Distanz zu Stülers fragilem Bau bewahrt.

Messels Pergamonmuseum, Heimstatt von drei Museen, erhält durch Oswald Matthias Ungers den vierten Flügel am Kupfergraben sowie eine komplett neue Erschließung. Ungers betonte seinen Entwurfsgedanken, den Hof frei und zugänglich zu halten. Auch diese Idee hat ihren Preis. Frank Peter Hesse vom Landesdenkmalamt pointiert es so: "Das Museum wird vollendet. Aber wird es auch erhalten?" Um 15 000 Besucher täglich an der im Keller situierten Nofretete vorbei ins Hauptgeschoss schleusen zu können, sind allein drei neue Treppenhäuser nötig.

Christoph Sattler vom Münchener Büro Hilmer, Sattler und Albrecht ist sich der konservatorischen Verantwortung beim Umbau des Alten Museums bewusst. Im Gespräch bekennt er sich zu den Prinzipien einer "soft restauration", wie sie Chipperfield und der Restaurator Julian Harrap im Neuen Museum durchsetzen wollen. Gleichwohl muss Sattler die beiden Lichthöfe von Schinkels epochalem Meisterwerk schließen, um Raum für die Antikensammlung und ein Café zu schaffen. Wahrlich kein Ruhmesblatt der Berliner Denkmalpflege, wenn als Außenraum gedachte Höfe - erinnert sei nur an den Schlüterhof des Zeughauses - für modische Glasdächer aufgegeben würden.

Zumindest der Einbau einer Treppenanlage im westlichen Hof könnte bald unnötig sein. Derzeit prüft Sattler, ob sich interne Treppe und Aufzug an der Südflanke der Rotunde einfädeln lassen. Der beabsichtigte Rückbau der Freitreppenverglasung, 1991 als unschönes Provisorium zwischen die Säulen gewuchtet, gilt als großer denkmalpflegerischer Erfolg. Schinkels berühmter Lustgartenblick - möglicherweise auf das von Klaus-Dieter Lehmann angeregte Schatzhaus außereuropäischer Kulturen - soll wie einst den Aufstieg zum Kunstolymp belohnen.

Präsentationsgewohnt gaben sich die Architekten, weit weniger instruktiv die Denkmalpfleger. Zweifellos hat es externer Sachverstand schwer, wenn sich der Planungsstand wöchentlich ändert. Unverständlich bleibt allerdings die selbst gewählte Beschränkung der Runde auf das Neue Museum. Dabei lieferte Frank Peter Hesses Tour de Force durch die aktuellen konservatorischen Probleme des Masterplans einen Steilpass, den die müden Kicker auf dem Podium ungenutzt ins Aus gehen ließen.

Schiedsrichter Wolfgang Wolters von der TU Berlin insistierte dagegen auf der Mikroperspektive von Konservierungsstrategien. So erläuterte Julian Harrap (London), wie das Material-Patchwork der Zerstörung in die Totalität eines ergänzten Neuen Museums überführt werden soll. Nun muss elaborierten Konzepten eine denkmalpflegerische Rahmenplanung folgen, damit 2002 nicht nur gebaut, sondern fachgerecht restauriert werden kann. Diese Jahrhundertaufgabe ist eben kein Spiel, sondern verlangt das Kostbarste: unsere Geduld.

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