Berliner Museumspläne am Kulturforum : Wer nur anbaut, baut ab

Ob MoMa oder Guggenheim: Bloße Anbauten hinter modernen Museen sind ästhetisch fragwürdig. Die Preußen-Stiftung plant mit der Neuen Nationalgalerie ähnlich. Und versäumt darüber das Wichtigste - ein Konzept für das Kulturforum als Ganzes.

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Ein Modell für Berlin? Das New Yorker Guggenheim Museum, nach einem 1943 skizzierten Entwurf von Frank Lloyd Wright 1959 eröffnet – daneben links der 1992 fertig gestellte, schmucklose Anbau.
Ein Modell für Berlin? Das New Yorker Guggenheim Museum, nach einem 1943 skizzierten Entwurf von Frank Lloyd Wright 1959 eröffnet...Foto: akg-images / L. M. Peter

Einen ganz weiten Sprung wollte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz tun, und nun endet ihr Vorhaben mit dem kleinstmöglichen Hüpfer. Anstelle der „Museumsrochade“ soll es nun zu einem vergleichsweise bescheidenen Erweiterungsbau für die Neue Nationalgalerie kommen (Tsp. vom 22. August). „Vergleichsweise“, weil auch diese nochmals abgespeckte Version mit 130 Millionen Euro zu Buche schlagen soll.

Damit ist der eine Grund für das – gemessen an der jahrelangen Propaganda für die Verlagerung der Alten Meister zur Museumsinsel klägliche – Eingeständnis der Stiftung benannt, museologisch doch lieber alles beim Alten zu belassen und lediglich für die Kunst des 20. Jahrhunderts mehr Platz zu schaffen. Der andere Grund liegt tiefer – so tief, dass ihn bei der Vorstellung der „Machbarkeitsstudie“ am Mittwoch keiner der Leitungskräfte von Stiftung und Staatlichen Museen ansprechen wollte. Es ist dies der Mangel an einem Konzept, das sowohl die Nöte und Bedürfnisse der Museen ausbalanciert als auch der städtebaulichen Verantwortung gerecht wird, die die Stiftung als größte Kultureinrichtung Deutschlands und Berlins trägt. Diese Verantwortung liegt, vor aller Augen sichtbar, ganz besonders beim Kulturforum an der Potsdamer Straße.

Die von damals jungen Museumsleuten wie dem heutigen Direktor von Gemäldegalerie und Skulpturensammlung, Bernd Lindemann, bereits Anfang der neunziger Jahre geforderte Zusammenführung der Alten Meister auf und an der Museumsinsel ist zuallererst eine Flucht von diesem ungeliebten Ort. Die Museumsinsel, das vor 1990 unerreichbare Sehnsuchtsziel WestBerlins, sollte in einem großen Akt der Gemälde-Überführung zum Strahlen gebracht werden. Das Kulturforum als West-Berliner Antwort auf die Museumsinsel war dem wiedervereinigungsbeseelten Nachwuchs schlicht zuwider.

Das mochte man noch nachvollziehen. Aber heute? Berlin und seine kleingeistigen, zaudernden Lokalpolitiker beweist seit Jahrzehnten, dass sie nicht die Kraft zu einer Entscheidung hat und bis heute mit dem Kulturforum nichts anfangen kann. Dabei hatten weitsichtigere Vorgänger es auf den Weg gebracht. Der damalige Generaldirektor der Museen, Stephan Waetzold, sprach 1964 davon, dass Berlin dermaleinst zwei Museumsinseln „in fußläufiger Entfernung voneinander“ besitzen werde. Eben deshalb sollte die Stiftung endlich beherzt auf das gesamte Gelände zugreifen. Sie muss hier nicht, wie ihr Präsident Hermann Parzinger grummelte, die Probleme der Stadt lösen, sondern ihr eigenes – das des mit überwiegend eigenen Häusern bestückten Areals. Genau vor dieser Aufgabe versagt sie, wenn sie sich auf einen Anbau zum singulären Kunsttempel der Neuen Nationalgalerie zurückzieht und diese Lösung auch noch als „wunderbar“ rühmt. Darauf hätte man auch vor 14 Jahren schon kommen können, als die „Masterplan“-Manie mit ihren Verschiebungsplänen begann.

Die Machbarkeitsstudie erbrachte für einen Neubau am Kulturforum Kosten von jeweils 180 Millionen Euro, gleich ob hinter der Nationalgalerie, noch weiter hinten neben dem Kunstgewerbemuseum oder auf der quälend leeren Fläche an der Potsdamer Straße. Für die zugunsten der IBA 1987 halbierte und mit belanglosen Wohnbauten zugestellte Erweiterungsfläche der Nationalgalerie – seitens der Stiftung stets als „viel zu klein“ beiseitegewischt – wurde das Raumprogramm so weit ausgedünnt, dass die Summe von 130 Millionen Euro herauskam. Ihr müssen der Stiftungsrat und sodann die Haushälter des Bundes erst einmal zustimmen.

Kann ein solcher An- oder Erweiterungsbau überhaupt funktionieren? Es gibt wenige Beispiele für Anbauten an ihrerseits neuzeitliche Museen. Das New Yorker Museum of Modern Art, dessen zeitlos schöner Ursprungsbau von 1939 eines der ersten Beispiele des „Internationalen Stils“ in den USA darstellt, wurde mehrfach erweitert. Allerdings nie zufriedenstellend, so dass die jüngste, 2004 eröffnete Erweiterung einem völligen Neubau schräg hinter dem Ursprungsbau an der 53. Straße gleichkommt. Beim Guggenheim Museum in New York wurde ein klotziges Gebäude hinter die eigenwillige, als Museum jedoch herzlich ungeeignete Spirale von Frank Lloyd Wright aus dem Jahr 1959 gewuchtet. Noch schlimmer sollte es beim Whitney Museum kommen, auch dies in New York. Das Haus war 1966 nach einem Entwurf des Bauhaus-Altmeisters Marcel Breuer eröffnet worden. Vertreter der heute längst vergessenen Postmoderne wollten dem markanten Breuer-Kubus eine gigantische Spielzeugarchitektur überstülpen. New York war entsetzt, das Whitney blieb, wie es war.

David Chipperfield, der mit dem behutsamen Wiederaufbau des Neuen Museums in den Olymp der Gegenwartsarchitektur aufgestiegen ist, hat dem Essener Folkwang Museum, einem praktischen, unscheinbaren Bau der 1920er Jahre, einen zugleich großzügigen und zurückhaltenden Neubau hinzugefügt, übrigens für „nur“ 65 Millionen Euro unter dem strengen Kostenregiment der Krupp-Stiftung. Chipperfield wäre einer der Architekten, die zu einem Entwurf für den Anbau an die Neue Nationalgalerie geladen werden müssten; umso mehr, als sein Büro mit der ab 2015 anstehenden Generalsanierung des Mies-Baus beauftragt ist.

Der steht – wovon die Stiftungsoberen am Mittwoch lieber nichts hören wollten – zur Gänze unter striktem Denkmalschutz, einschließlich des von einer hohen Mauer umschlossenen Skulpturengartens. Der Kunsttempel ist nicht auf Erweiterung ausgelegt. Er ist derjenige Solitär, als den ihn Mies 1965 ohne Kompromisse entworfen hat; die Krönung seines Lebenswerkes. Die Sanierung durch das Büro Chipperfield hat zum Ziel, den ursprünglichen Charakter des Bauwerks und die Intentionen von Mies herauszuschälen. Wie da ein Anbau gleich nebenan in die Höhe wachsen soll, wegen des beengten Grundstücks höher als das Stahldach der gläsernen Halle, bleibt vorerst ein Rätsel.

Die Chance, das Kulturforum als Ganzes in den Blick zu nehmen, kommt wohl nicht wieder. Mit den Bundesmitteln, die die Stiftung ohnehin beantragen muss, könnte die Leerfläche an der Potsdamer Straße geschlossen werden. Mit einem Bauwerk, das in eleganter Zurückhaltung zwischen den architektonischen Antipoden Mies van der Rohe und PhilharmonieSchöpfer Hans Scharoun vermittelt. Und das dem dahinter liegenden Matthäikirchplatz seinen ursprünglichen, intimen Charakter zurückgibt.Wenn das Architekturbüro, das den Wettbewerb für einen solchen Neubau gewinnt, dann noch die unselige Schräge ersetzen würde, die den Besuch der Gemäldegalerie zu einem Akt der Selbstüberwindung macht, könnte das Kulturforum tatsächlich erblühen.

Über die Verlagerung der Alten Meister Richtung Museumsinsel mögen spätere Amtsinhaber entscheiden. Dem intelligenten Umgang mit den Sammlungen innerhalb der vorhandenen Bauten, den der zutiefst verärgerte GemäldegalerieChef Lindemann eher trotzig denn aus Leidenschaft ankündigte, steht ohnehin nichts im Wege als die eigene Selbstherrlichkeit. Nach dem Debakel, das die nüchterne Machbarkeitsstudie den Ambitionen der Stiftung bereitet hat, ist ein solcher intelligenter Umgang bitter nötig. Es ist Parzingers Stunde, so oder so.

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