Berliner Museumsstreit : Die Musen und die Mitmischer

Neues Kapitel im Berliner Museumskampf: Wie sollen die Schätze in Zukunft präsentiert werden? Gehören Malerei und Skulptur zusammen? Eine erstklassig besetzte internationale Tagung im Bode-Museum hat jetzt Museumsleute und Kritiker erstmals zusammengeführt.

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Sehen und Vergleichen. "Amor als Sieger" (1602) von Caravaggio könnte künftig direkt neben dem "Satyr mit Panther" (1615) der beiden Berninis gezeigt werden.
Sehen und Vergleichen. "Amor als Sieger" (1602) von Caravaggio könnte künftig direkt neben dem "Satyr mit Panther" (1615) der...Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Jörg P. Anders

Als Paragone wird in der Kunstgeschichte der „Wettstreit der Künste“ in der Renaissance und im Frühbarock bezeichnet, in dem es um die Vorrangstellung innerhalb der bildenden Künste ging. Wer ist überlegen, die Malerei oder die Skulptur? Aus heutiger Sicht scheint das bizarr. Warum sollten sich die Künste gegenseitig ausstechen? Beiden geht es um die Darstellung einer anderen Wirklichkeit, nur in verschiedenen Medien. Seit vergangenem Sommer tobt in und über Berlin ein vergleichbarer Streit, nun jedoch unter den Sachwaltern, den Museumsleuten und Kunstliebhabern. Wieder geht es um die Form, diesmal um die bestmögliche Präsentation. Der geplante Umzug der Gemäldegalerie vom Kulturforum an die Museumsinsel hat zu scharfen Auseinandersetzungen geführt zwischen den Initiatoren bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ihren Kritikern, etwa dem Verband deutscher Kunsthistoriker, der eine geharnischte Petition ins Netz gestellt hatte.

Auch hier wird man sich in späteren Jahren einmal fragen, wie es zu einer solch scharfen Gegenüberstellung kommen konnte. Für internationale Beobachter zeigt sich schon jetzt, dass Berlin die Chance zur Veränderung ergreifen muss, um im 21. Jahrhundert anzukommen, während in New York, London, Paris die Sammlungskonzepte der großen Museen längst eingefroren sind. Nur hier gibt es die Möglichkeit, die Gesamtheit der Kultur neu zu denken, auf der Museumsinsel wie im Humboldtforum.

Erstmals seit dem Bekanntwerden der Pläne und mancherlei hässlichem Schlagabtausch in den Medien kamen nun die Streitparteien unmittelbar zusammen, im Zentrum des Geschehens, dort wo alles seinen Ausgang nahm: in der Basilika des Bodemuseums, wo Malerei, Skulptur, Architektur zu einer großen Gesamtwirkung verschmelzen. Die Staatlichen Museen hatten mit internationaler Besetzung zu einer Tagung eingeladen, mit Philippe de Montebello, dem langjährigen Direktor des New Yorker Metropolitan Museums als Redner, mit Vertretern vom Victoria & Albert Museum in London, des Prado in Madrid. Ihr passendes Thema: Malerei und Skulptur, Chancen und Herausforderung einer gemeinsamen Präsentation. Denn wenn der Umzug der Gemäldegalerie zur Museumsinsel tatsächlich kommt, muss nicht nur geklärt sein, wie sich die Bestände zwischen Bodemuseum und Neubau verteilen, ob nach Epochen oder Regionen getrennt wie gegenwärtig am Kulturforum, sondern zugleich, ob die Gattungen wieder fusionieren, wie es in den Museen bis zur Aufklärung Praxis war.

"Satyr mit Panther" (1615) von Pietro und Lorenzo Bernini
"Satyr mit Panther" (1615) von Pietro und Lorenzo BerniniFoto: Staatliche Museen zu Berlin

Kunstgeschichte erzählt sich in Schlaufen. Die immer wiederkehrende Frage lautet: Wie wollen wir sehen? Wozu sollen unsere Museen taugen? Dass die Einladenden in der schönen Halle vermintes Gebiet betraten, war vorauszusehen. Dass sie aber auf diese Weise ein Trojanisches Pferd zu installieren gedachten, um ihre eigentlichen Pläne für die Galerie des 20. Jahrhundert trickreich voranzutreiben, wie in der „Süddeutschen Zeitung“ geargwöhnt, war eine perfide Unterstellung. Nach wütenden Pressekampagnen und düstersten Prophezeiungen über den Untergang der Alten Meister war es höchste Zeit für das direkte Gespräch.

Für das Publikum gewann diese Aussprache durchaus komische Seiten. Die wechselseitige Herbeirufung des Museumsgründers Wilhelm von Bode und seiner bahnbrechenden interdisziplinären Präsentation entwickelte sich zur Groteske. Julien Chapuis, Chef der Skulpturensammlung, die sich – ergänzt um einige Werke der Gemäldegalerie – seit der Wiedereröffnung 2006 im Bodemuseum befindet, brach erwartungsgemäß eine Lanze für die Verbindung der verschiedenen Sparten, die historische Kontextualisierung, die ästhetisch ansprechende Form, ähnlich wie bei seinem großen Vorgänger Bode. Georg Satzinger, Vorsitzender des Kunsthistorikerverbands, dagegen mokierte sich über Indienstnahme Bodes als „Heiliger aller Mischer und Mitmischer“ und wies nach, dass der nur einige Stücke zur Heraushebung einzelner Werke kombiniert habe. Umso mehr kritisierte er die vom Publikum überrannte Ausstellung „Gesichter der Renaissance“ vor zwei Jahren im Bodemuseum als Schaulauf einer Verbindung von Malerei und Skulptur, da hier die Kunstwerke als magisch inszenierte Objekte im „Kreuzfeuer der Lichtspots“ standen. Stattdessen finde Bode heute seine beste Verwirklichung in der Gemäldegalerie, als große Erzählung der Geschichte der Malerei.

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