Berliner Musikfest : Hornesröte

Virtuosen am Alphorn: Der Auftritt des SWR Sinfonieorchesters beim Berliner Musikfest.

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Das Hornroh Modern Alphorn Quartet in der Berliner Philharmonie.
Das Hornroh Modern Alphorn Quartet in der Berliner Philharmonie.Foto: Kai Bienert

Bevor er das Dirigentenpult im großen Saal der Philharmonie erreicht, muss François-Xavier Roth erst vorsichtig über eine Reihe mächtiger Alphörner steigen, die vorne auf dem Podium ausgebreitet liegen. Und das ist nur die geringste Herausforderung, die Georg Friedrich Haas’ Concerto grosso Nr. 1 für den Chef des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg und seine Musiker beim Musikfest bereithält. Anders als in früheren Alphornkonzerten, wie sie zunächst vereinzelt in Leopold Mozarts Zeiten und seit der Verbreitung genormter Instrumente in den 50er Jahren auch vermehrt in der Literatur auftauchen, sind die Riesenhörner hier nicht bloß als folkloristischer Gimmick eingesetzt, sondern geben buchstäblich den Ton an: Bei Haas sind es nämlich die Orchestermusiker, die auf die „Naturtöne“ der Alphörner zu reagieren haben. Und das ist eine virtuose Herausforderung, da die Obertonreihe der Alphörner von den orchesterüblichen Skalen im Mikro- bis Vierteltonbereich abweicht.

Strukturell mag das Stück, wie Haas zugibt, etwas Didaktisches haben, doch schon allein das präzise Echo, mit dem das Orchester die stehenden Klänge des Hornroh Modern Alphorn Quartets spiegelt, würde das Anhören lohnen. Aber Haas bleibt nicht bei der Etüde stehen, sondern spielt mit dem Gegensatz zwischen artifiziell und „natürlich“ wirkenden Intonationstrübungen. Ein Effekt von bestechender Einfachheit ist zudem, wie er aus der Schwebungsfrequenz der Alphornintervalle Orchesterrhythmen gewinnt und so Rhythmus aus der Harmonie erzeugt.

Gedankliche und klangliche Brücken von dieser Komposition zu Anton Bruckners 8. Symphonie schlagen sich wie von selbst, und nie war die Gelegenheit günstiger, den symphonischen Koloss vor einem derart auf Klang sensibilisierten Publikum pointiert als Klangskulptur zu interpretieren. Ganz gelingt das allerdings nicht: Roth dirigiert zwar tiefenscharf und ohne ideologisch wirkendes Pathos. Und auch bei den lupenrein intonierenden Bläsern scheint die lustvolle Auseinandersetzung mit dem puren Klang nachzuwirken. Problematisch aber sind die zahlreichen Steigerungen, die Roth – vielleicht aus Sorge, zu hymnisch oder militaristisch zu wirken – oft in zu undifferenziertem Fortissimo enden lässt.

Deutschlandradio Kultur sendet einen Mitschnitt des Konzerts am 21. September um 19 Uhr

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