Kultur : Berliner Nächte sind lang

KAI MÜLLER

"Letzte Runde": Ein Dokumentarfilm für Nachtschwärmer von Antonia LerchVON KAI MÜLLEREs ist weit nach Mitternacht.Das Lokal ist fast leer, ein Mann spült schmutzige Gläser und wischt Aschenbecher aus.An einem Tisch sitzen letzte Gäste, die nicht gehen wollen, und zögern das Ende heraus.Antonia Lerch hat für ihren Dokumentarfilm "Letzte Runde" das triste Klima beobachtet, das sich in Kneipen, Restaurants und Clubs mit der Ankündigung der "letzten Runde" verbreitet.Die Gäste, die bis jetzt durchgehalten haben, befinden sich in einem Zeitloch, das für Minuten außergewöhnliche Gespräche ermöglicht, für die der Alltag keinen Sinn hat. Mutter, Sohn und Schwiegertochter, die ein italienisches Lokal betreiben, sitzen erschöpft beisammen und besprechen die Vor- und Nachteile ihres Speiseplans.Zwei Tierschützer diskutieren angeregt über die Fledermaus-Bestände in der Stadt.Eine ukrainische Jüdin schildert die Hinrichtung ihrer Mutter durch die Nazis und ihre eigene Flucht.Irgendwo anders versucht ein Junge seiner enttäuschten Freundin verständlich zu machen, daß ihre Liebe vielleicht nicht ewig andauern wird.Und zwei Herzchirurgen denken über die moralischen Konflikte nach, denen sie täglich ausgesetzt sind. Die Berliner Filmemacherin interessiert sich für die winzigen Dramen, die kleinen magischen Augenblicke einer Nacht, die in blauen Morgenstunden ausklingt.Und sie filmt sie mit bemerkenswertem Aufwand.Schnitt, Bildkomposition und Ausleuchtung machen die Kamera unsichtbar, von der die Menschen umstellt gewesen sein müssen.Lerch hat die Szenen geschickt aus wechselnden Perspektiven aufgenommen und ihnen Raum gegeben, ihre Gedanken zu entfalten.Auf diese Weise vermitteln sie den Charme von Menschen, die ihr Leben besser zu verstehen beginnen.Überhaupt wird der Film vor allem von Randexistenzen geprägt, Emigranten und Einwanderern.Es wird russisch, italienisch, französisch und mongolisch gesprochen und der Ausblick auf eine multikulturelle Gesellschaft gewagt, die sich nachts bereits zu formieren scheint. Der Film entstand in Zusammenarbeit mit der Dokumenta X., wo er neben anderen Arbeiten international renommierter Künstler im Festival-Programm gezeigt wurde.Die Weigerung Lerchs, sich kürzer zu fassen, mutet dem Publikum Passagen zu, die entsetzlich trivial sind.Sie werden im Kontext des Kasseler Kunstinteresses entspannter gewirkt haben.Im Kino könnte "Letzte Runde" die Geduld überfordern, so daß man sich wie die Wirte, die den Szenen als stille Zeugen beiwohnen, zu wünschen beginnt, daß endlich Schluß ist. Am Ende begrüßt eine Frau in mongolischen Gewändern den anbrechenden Tag, indem sie Lieder aus ihrer Heimat in den Kreuzberger Morgenhimmel singt und das Maybachufer in eine exotische Ferne entrückt.Man kann das für eine überflüssige "come-together"-Geste halten, aber die Hoffnung, die aus einem solchen Bild spricht, behauptet kraftvoll, daß für den, der warten kann, auf jede Finsternis ein Aufbruch folgt. Hackische Höfe und fsk

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