Kultur : Berliner Opern-Debatte: Forever Barenboim?

Frederik Hanssen

Er sieht aus wie ein braver Bürger, aber in Wahrheit ist Peter Dussmann ein Revoluzzer. Er denkt nicht daran, sich an die Spielregeln zu halten - nur weil alle es schon immer so machen. Wenn sich Gewerkschaften und Regierung darauf einigen, dass in den Läden um 20 Uhr Schluss ist, ernennt er in seinem Kulturkaufhaus die Verkäufer kurzerhand zu Führungskräften und lässt die Türen bis abends um zehn geöffnet. Und wenn unter den Parteien im Berliner Abgeordnetenhaus Konsens besteht, dass man Daniel Barenboims Vertrag an der Staatsoper wegen Geldknappheit leider nicht verlängern könne, dann kommt Dussmann und legt die Summe auf den Tisch. Oder zumindest fast: Eine Million pro Jahr zahlt er aus seiner Privatschatulle, eine weitere Million will er bei Freunden zusammentrommeln. Und die dritte Million, die sich Barenboim für eine Gehaltserhöhung seiner Staatskapelle wünscht, soll über erhöhte Ticketpreise hereinkommen. Bleibt der Politik nichts anderes übrig, als dem Unternehmer dankbar die Hand zu drücken?

Die Kulturszene braucht Mäzene wie Dussmann, Kulturliebhaber, die darüber hinwegsehen, dass sich Sponsoring hierzulande immer noch nicht bei der Steuererklärung bezahlt macht, Idealisten, die außergewöhnliche Projekte ermöglichen. Doch genau das ist der Pferdefuß an Dussmanns Barenboim-Initiative. Mit seiner Spende will der Unternehmer ausgerechnet die konservativste Linie in der Berliner Kulturlandschaft fortschreiben. Als Staatsopernchef hat Barenboim Spielplan-Doubletten am laufenden Band produziert, er hat auf seiner künstlerisch wenig ergiebigen Wagner-Mozart-Spielwiese die Barockmusik Unter den Linden geopfert und mit seiner Blockadehaltung in Sachen BerlinBallett das Aus für die Tänzer der Komischen Oper provoziert. Auch seine künstlerische Vision für die Zeit nach 2002 hat er bislang nicht verraten. Wie immer man über Stölzls Reformpläne denken mag: Sie versuchen die Chance zu nutzen, die sich durch Barenboims Abschied von seiner Intendanz eröffnen würde. Nur wenn dieser Posten frei wird, entsteht der nötige Spielraum für ein Aufbrechen der verkrusteten Berliner Musiktheaterstrukturen. Das haben die Politiker verstanden. Nun hat Dussmann ihnen das bequeme Geldargument entzogen. Jetzt hilft nur noch der Mut, den Dirigenten und Pianisten zu halten, ohne ihn auf dem falschen Posten halten zu müssen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar