Kultur : Berliner Opern-Debatte: Wir sind die Hauptoper

Jörn Hasselmann

Der Unternehmer Peter Dussmann will der Staatsoper drei Millionen Mark beschaffen, um den Dirigenten Daniel Barenboim in Berlin zu halten und die Eigenständigkeit der Oper Unter den Linden zu sichern - allerdings nur unter der Voraussetzung, dass Kultursenator Christoph Stölzl seine Pläne zur Fusion von Deutscher und Staatsoper sowie zur Verkleinerung der Orchester fallenlässt. "Ich gebe kein Geld für Mittelmaß", erklärte Dussmann bei einer Pressekonferenz in Berlin. Mit Barenboim und Matthias Glander vom Orchestervorstand der Staatskapelle präsentierte er die Initiative "Weltklasse statt Bezirksliga - Dussmann für Staatsoper, Staatskapelle und Barenboim".

Drei Jahre lang will Dussmann, dem in Berlin unter anderem das Kulturkaufhaus in der Friedrichstraße gehört, der Oper jeweils drei Millionen Mark im Paket garantieren. "Herr Stölzl, hier sind die drei Millionen", ruft er dem Senator mehrmals in Dutzende Kameras und Mikrofone zu. Eine Million jährlich spendiert der Unternehmer aus seinem privaten Vermögen: Eine weitere Million soll die Oper durch höhere Eintrittspreise und mehr Auftritte selbst erwirtschaften, und für die dritte Million sollen "in einer gemeinsamen Anstrengung" Sponsoren und Spender gefunden werden. Zudem finanziert Dussmann die laufende Werbe- und Bettelkampagne mit mindestens 250 000 Mark zusätzlich. "Damit ist die Kuh vom Eis", sagt Dussmann

Aus Sicht der Lindenoper und ihres Mäzens hatte Kultursenator Stölzl diese Kuh aufs Eis geschoben. Denn bisher knüpft Barenboim sein Bleiben an zusätzliche 3,5 Millionen Mark Subvention pro Jahr für eine Gehaltserhöhung der Musiker seiner Staatskapelle. Nach Ansicht Barenboims müssten die Musiker so viel wie in gleichrangigen Orchestern - er nennt die Münchner Philharmoniker und die Dresdner Staatskapelle - verdienen. Diese Forderung stellt Barenboim seit Jahren und hat sie zur Bedingung einer Vertragsverlängerung über das Jahr 2002 hinaus gemacht. Eine Erhöhung hatte der Senat mit Hinweis auf die angespannte Finanzlage im Berliner Kulturhaushalt abgelehnt.

Christoph Stölzl begrüßte gestern Nachmittag die Initiative: "Ich freue mich, wenn es eine Lösung gibt, Barenboim in Berlin zu halten". Bisher sei die weitere Zusammenarbeit mit Barenboim an der unlösbaren Frage der finanziellen Besserstellung der Staatskapelle gescheitert. Stölzl sagte allerdings weiter, dass er Dussmanns Rechnung nicht nachvollziehen könne.

In der Tat wurde nicht näher ausgeführt, wie eine Million "von Spendern und Sponsoren" jährlich zusammenkommen soll. Namen von Firmen nannte Dussmann gestern nicht. In diesem Jahr wollen die "Freunde und Förderer der Staatsoper" (Ex-Aussenminister Genscher ist ihr Vorsitzender, Dussmann ihr Vize) lediglich 300 000 Mark sammeln, so Dussmann. Wie berichtet, ist es der Staatsoper selbst bislang nicht gelungen, Sponsoren zu finden, die mit einem größeren Betrag über längere Zeit das Haus unterstützen. Zudem hatte Intendant Georg Quander gestern gegenüber dem Tagesspiegel eingeräumt, dass der eigens zur Sponsorenwerbung eingestellte ehemalige TV-Moderator "Leo" Andreas Lukoschik "nicht erfolgreich sei".

Die Preise für die Eintrittskarten könnten die Bühnen auf eigene Faust erhöhen. Diese aber sind nach Angaben der Kulturverwaltung von "der Klientel und der Auslastung" abhängig. Die Staatsoper Unter den Linden ist mit 72,8 Prozent Platzausnutzung relativ gut besucht, spielt allerdings im Vergleich zur Deutschen Oper an der Bismarckstraße (57,4 Prozent) und der Komischen Oper (63,4 Prozent) weniger Vorstellungen.

Barenboim nannte bei der Pressekonferenz Stölzls Reformpapier "nicht akzeptabel". Berlin drücke sich um die Entscheidung, ein Opernhaus zum zentralen Musiktheater zu erklären. Statt dessen würden Fusionspläne geschmiedet, die zu Lasten der Qualität beider Häuser gingen. Barenboim will einer grundlegenden Reform nicht im Wege stehen: "Wenn ich das Problem bin, bin ich bereit, sofort zu gehen". Solange er da sei, werde er weiter für den Erhalt der Staatsoper kämpfen - und für den Ausbau zur "Hauptoper" der deutschen Hauptstadt. Sein Haus müsse "alle Mittel bekommen, um international konkurrenzfähig zu sein". Das bedeute nicht, dass ein anderes Musiktheater geschlossen werden müsse: "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht, jetzt kann Herr Stölzl seine erledigen.", betont Barenboim. Dussmann fügt hinzu: "Wir können uns nicht leisten, Barenboim zu verlieren". Es gebe zu wenig "Leuchttürme" in Berlin, aber zuviel Mittelmaß.

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