Kultur : Berliner Opern: Millionen sind gut, Planungssicherheit ist besser

Monika Grütters

Seit Wochen beherrscht die Diskussion um die Oper die Berliner Kulturpolitik. Fast sehnt man das für Dezember angekündigte und dann wohl endgültige Strukturkonzept des Kultursenators für eine Opernreform herbei. Doch im Moment befindet sich Christoph Stölzl in einem echten Dilemma: Einerseits muss sein erster Vorschlag in vielen Punkten korrigiert werden - mit Hilfe der Betroffenen und der Experten aus der Opernkonferenz. Andererseits muss er an der Idee einer grundlegenden Strukturveränderung für die Opern festhalten - nicht nur um seines eigenen Ansehens willen, sondern vor allem, um den Berliner Opern eine mindestens auskömmliche und hoffentlich gedeihliche Zukunft zu sichern. Diese haben sie nicht nur auf Grund ihrer historischen Leistung, sondern auch wegen ihres heutigen internationalen Ranges verdient.

Die Situation ist durch die eigenwillige generöse Geste des Bundes nicht einfacher sondern komplizierter geworden. Stölzl muss jetzt handeln, nachdem er so unerschrocken gestartet ist. Es ist schon befremdlich, wenn der Vorsitzende der SPD-Fraktion, Klaus Wowereit, der als einziger verantwortlicher Politiker immer von einer Fusion zweier Häuser sprach, heute das Konzept des Senators für gescheitert erklärt, nur weil der Bundeskanzler 3,5 Millionen Mark bereitstellt. Mit Personen-Polemik ist keine Opernreform zu erreichen.

Es bedarf also einer Lösung für drei Häuser - mit einer langfristigen Perspektive. Verbindliche Vier-Jahres-Verträge nach dem Vorbild der Berliner Universitäten böten hierfür den entscheidenden Rahmen. Das Land und seine Kultureinrichtungen verpflichten sich füreinander und ersparen den Opern die jährliche Haushaltsdramatik. Stattdessen werden die Zuschüsse für vier Jahre festgeschrieben. Im Gegenzug sichern die Opern die für die Einsparungen notwendigen Reformschritte zu. Diese werden sanktioniert, indem 10 Prozent des Landeszuschusses nur dann gezahlt werden, wenn die Reformleistungen auch tatsächlich erbracht werden. Außerdem müsste eine Tarifvorsorge von mindestens 1,5 Prozent im Budget enthalten sein. Diese Klage ist seitens der Opernhäuser zu Recht geführt worden, und in den Hochschulverträgen verfährt das Land analog.

Die Vier-Jahres-Systematik korrespondiert außerdem mit den Zusagen des Bundes, für die Laufzeit des derzeitigen Hauptstadtkulturvertrages jährlich 3,5 Millionen Mark für die Opern zur Verfügung zu stellen. Um nicht substanziell in den künstlerischen Bereich einzugreifen, ist es geboten, primär Einsparungen im Verwaltungs- und im Technischen Betrieb umzusetzen. Daher sollte am Vorschlag des Senators festgehalten werden, die Staatsoper und die Deutsche Oper unter ein Verwaltungsdach zu stellen. Unter welcher Rechtsform dies geschieht, muss bedacht werden. Wichtig ist die schrittweise Lösung von der Geißel des öffentlichen Dienst- und Tarifrechts. Dies würde nicht nur Einsparungen im nicht-künstlerischen Bereich bewirken, sondern ließe die Häuser stärker als bisher ihre Spielpläne abstimmen, ohne dass die Politik in unzulässiger Weise programmliche Vorgaben macht.

Der Wettbewerb um künstlerische Brillanz allein rechtfertigt den Erhalt dreier Opern - ihn gilt es zu fördern. Und das fordert in der nun entstandenen Situation eine besondere Fürsorge des Landes für die Deutsche Oper und die Komische Oper. Wir können die längst überfällige Opernreform in Berlin und den Aufbruch in die Zukunft nicht mit unterschiedlichen Startvoraussetzungen wagen. Die Entlastung, die die Bundesmillionen bewirken, müssen allen drei Opern zugute kommen. Zum Glück bestimmen weder Kaufleute noch Kanzler über die Qualität der Kunst. Aber vielleicht kann sich der Kanzler ja nun dazu entschließen, sich institutionell bei der Staatsoper zu verpflichten. Es wäre begrüßenswert, wenn hier eine Mischfinanzierung Bund-Land gelänge - anders als bei den Einrichtungen, die der Bund komplett übernommen hat. Auch hier mag die Wissenschaft als Vorbild dienen: Die Mischfinanzierung außeruniversitärer Einrichtungen funktioniert prächtig, weil eine Seite die jeweils andere diszipliniert. Ein derartiges Miteinander würde den kulturellen Wettbewerb auf hohem Niveau sichern. Dann könnte und müsste der Bund in das gemeinsame Aufsichtsgremium und hätte die üblichen Rechte und Pflichten.

Das Gebot der Stunde lautet: Beenden wir die für die Opern demütigende Debatte. Berlin braucht eine Reform seiner Opernhäuser. Das sind diese übrigens aus Solidarität den vielen kleineren Kulturinstitutionen und Künstlern schuldig, die ebenso unter den Sparzwängen leiden. Nicht nur das Parlament, sondern die gesamte Berliner Öffentlichkeit erwartet, dass von den Opernhäusern ein Signal erfolgt. Das Land muss sich zu seinen kulturellen "Leuchttürmen" bekennen und den Opernhäusern Perspektiven eröffnen. Mehrjährige Verträge nach dem Vorbild der Hochschulen wären das geeignete Instrument dafür. Wenn, ja, wenn alle Verantwortlichen aus der Kunst, der Politik und der Wirtschaft den gemeinsamen Willen zu echten Reformen aufbringen.

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