Kultur : Berliner Opern: Nur keine Zweiklassenoper

Geht er oder bleibt er? Christian Thielemanns Vert

Geht er oder bleibt er? Christian Thielemanns Vertrag als Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin läuft im Sommer 2001 aus. Das Gespräch mit dem Dirigenten führte Jörg Königsdorf.

Herr Thielemann, Ihr Kollege Daniel Barenboim hat sein Ziel erreicht und eine tarifliche Besserstellung für die Musiker seiner Staatskapelle durchgesetzt. Müssten Sie jetzt nicht das Gleiche für Ihre Musiker fordern?

Natürlich freue ich mich, dass der Bund jetzt ein Signal gesetzt hat, auch wenn es erst mal so aussieht, als ob wir einer Sache Beifall spenden müssten, die für uns selbst nachteilig ist. Denn eine Zweiklassengesellschaft, die durch eine Besserstellung der Staatskapelle gegenüber dem Orchester der Deutschen Oper entstünde, wäre tödlich für die Stadt. Wir erleben schon jetzt, dass sich bei uns kaum Musiker auf freie Stellen bewerben, weil anderswo besser bezahlt wird. Ich glaube aber nicht, dass Berlin sein größtes Opernhaus im Regen stehen lässt.

Als das Stölzl-Papier präsentiert wurde, haben Sie geschwiegen, während die Staatskapelle protestierte. Haben Sie da nicht einen Fehler gemacht?

Die Naumann-Spende hat in meinen Augen den Entscheidungsdruck für Berlin erhöht: Die Stadt muss wissen, ob sie zwei gleich ausgestattete Opern will oder nur ein Spitzenhaus. Aus dieser politischen Entscheidung müssen dann die Konsequenzen gezogen werden.

Das klingt jetzt so, als ob sich die Opernreform auf die simple Frage beschränkt, wer mehr Geld bekommen soll.

Natürlich nicht. Deshalb habe ich meinem Orchester geraten abzuwarten. Wenn am Ende herauskommen würde, dass die Musiker genauso viel Geld bekommen wie ihre Kollegen an der Staatsoper, was wäre damit gewonnen? Gefragt sind Strukturentscheidungen. Schauen Sie sich doch das hypertrophe Repertoire der Häuser mit seinen Stückdoubletten und -tripletten an. Drei Mal "Elektra", drei Mal "Falstaff", aber dafür kein Schreker, Korngold, Britten. Hier muss sich etwas ändern. Ich will keine Fusion der Opern. Was ich will, ist Kooperation.

Das klingt, als würden Sie diese Berliner Opernlandschaft auch weiterhin mitgestalten wollen. Aber bislang haben Sie keinen Vertrag über das Ende dieser Saison hinaus und sind als international gefragter Dirigent sicher schon auf Jahre ausgebucht.

Meine Engagements an der Wiener Staatsoper, der Met und Covent Garden sind tatsächlich schon für die nächsten viereinhalb Jahre geplant. Im Moment habe ich dort schlicht bessere Arbeitsbedingungen als in Berlin. Aber das könnte sich ja bald ändern. Ich warte ab, was hier entschieden wird.

Im Gegensatz zum Berliner Opernkrieg scheint Sie das Wirrwarr um die Bayreuth-Nachfolge nicht zu stören. Gerade haben Sie nach der Absage von Christoph Eschenbach auch noch den "Parsifal" übernommen.

Der Unterschied ist, dass ich von den Bayreuther Spannungen nur aus der Presse etwas mitbekomme. Wenn ich dort bin, habe ich das Gefühl, von einer Familie mit dominierender Vaterfigur aufgenommen zu werden - alles Schlechte ist vor Ort nicht präsent. Außerdem werde ich mich hüten, in der Nachfolgefrage Stellung zu beziehen.

Mit den "Meistersingern", dem "Parsifal" und dem "Tannhäuser" sind Sie in Bayreuth so stark präsent wie kein anderer Dirigent. Das gibt Ihnen die Möglichkeit, Einfluss auf den Charakter der Festspiele auszuüben.

Mir liegt vor allem der Werkstattcharakter Bayreuths am Herzen, der in den letzten Jahren etwas verloren gegangen ist. In Bayreuth brauchen nicht unbedingt die Sänger zu singen, die sonst durch die größten Häuser der Welt gereicht werden. Ich kann Ihnen schon jetzt sagen: Bei der Besetzung für den "Tannhäuser" werden Sie Überraschungen erleben und Namen lesen, die Sie vermutlich gar nicht kennen. Ähnlich ist es bei der Regie: Ein Regisseur muss hier bereit sein, sich von denen, die die akustischen Tücken des Hauses kennen, auch etwas sagen zu lassen. Bayreuth ist einzigartig. Das Publikum muss hierher kommen, um etwas zu erleben, was es anderswo nicht gibt.

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