Kultur : Berliner Opernlandschaft: Sein Master-Stück

Jörg Königsdorf

Berlins Kulturverwaltung hat in den letzten Monaten ganze Arbeit geleistet: Noch kurz vor der Sommerpause hatte Senator Christoph Stölzl die Präsentation eines Masterplans zur überfälligen Reform der drei Berliner Operhäuser angekündigt. Jetzt liegt das Papier termingerecht zu den Haushaltsberatungen vor und löst tatsächlich die seit Jahren von der Presse erhobenen Forderungen nach künstlerischer Prioritätensetzung und stärkerer Profilierung der einzelnen Häuser ein. Und sieht zudem noch ein einigermaßen realistisches, mittelfristiges Einsparziel von 20 Millionen Mark vor.

Nach dem Willen Stölzls sollen alle Opernhäuser in Anstalten öffentlichen Rechts umgewandelt werden. Der Wechsel der Rechtsform soll größere "kaufmännische Beweglichkeit" in der Betriebsplanung und vor allem den Abschluss von Haustarifverträgen mit veränderten Dienst- und Aushilfeverpflichtungen ermöglichen. Deutsche Oper und Staatsoper werden unter einer Konstruktion von Vorstand und Aufsichtsrat mit einem kaufmännischen Direktor als Vorsitzenden und damit Quasi-Generalintendanten zusammengefasst. Werkstätten und Verwaltungen sollen fusionieren, Chöre und Orchester der beiden Häuser Stellen abbauen und dies durch stärkere Ausprägung ihrer künstlerischen Profile kompensieren. Von 266 Orchestermusikern an den beiden Häusern sollen 77 gehen, die gemeinschaftliche Chorstärke von 184 um etwa 40 Sänger verringert werden. Die Komische Oper bleibt unabhängig, muss ihr Orchester jedoch von 115 auf 95 Musiker reduzieren. Das BerlinBallett als Zusammenschluss der Tanzkompagnien der drei Opernhäuser soll mit einer Stärke von 104 Tänzern eigenständig planen können, jedoch zugleich den Opernhäusern weiter zur Verfügung stehen.

Begründet werden diese drastischen Personaleinschnitte mit einer Feststellung der künstlerischen Profile der Opernhäuser: Demnach wird an der Deutschen Oper künftig das "große" Repertoire von Wagner bis zur zeitgenössischen Oper gespielt, während die kleinere Staatsoper sich auf Barock, Mozart und frühe Romantik konzentriert.

Ein radikales Reformwerk, so radikal wie es die chronisch defizitäre Haushaltslage Berlins wohl erfordert. Denn Alternativen sind nur schwer denkbar: Der Plan sei, so Stölzl, eine Anpassung an die finanzpolitischen Realitäten Berlins, mit denen man nun einmal leben müsse. Zehn Jahre habe man darüber lamentiert, dass Berlin eigentlich mehr Geld für Kultur bräuchte, dass sich der Bund stärker beteiligen müsse, und derweil Grundsatzentscheidungen verschoben. Allerdings sieht das Reformwerk ein schweres Opfer vor: Die Behebung der Konkurrenz zwischen Lindenoper und Deutscher Oper bedeutet de facto, dass die Stelleneinsparungen bei den Orchestern hauptsächlich zu Lasten der Staatskapelle gehen werden - auch wenn Stölzl aus taktischen Gründen noch beteuert, dass die "Identität beider Orchester gewahrt werden soll". Dabei ist die Entscheidung gegen die Staatskapelle eine unausweichliche Folge der Prioritätensetzung für die Häuser. Soll die Deutsche Oper weiterhin "Elektra" und "Parsifal" spielen, muss sie ihre Orchesterstärke zwangsläufig behalten, während die Hälfte der Staatskapellen-Musiker bei einer Umstellung auf das Mozart-Repertoire überflüssig wird. Die Staatskapelle, soeben von Deutschlands Musikkritikern zum Orchester des Jahres gewählt, verliert mit den Wagner- und Strauss-Opern jedoch gerade das Repertoirefeld, durch das sich alle großen Opern-Sinfonieorchester rechtfertigen - und muss als Barock-Rumpforchester völlig neu formiert werden.

Eine völlige Auflösung der Staatskapelle und Bespielung der Staatsoper mit einem Barock-Ensemble wie der Berliner Akademie für Alte Musik wäre da nicht nur ehrlicher und konsequenter, sondern auch künstlerisch vernünftiger gewesen. Denn nur schwer ist denkbar, dass sich irgendein renommierter Dirigent bereit erklären wird, das frustrierte Rumpforchester Staatskapelle auf barocke Spielpraxis umzuschulen - abgesehen davon, dass die Musiker ihren gefeierten Originalklang-Kollegen ohnehin chancenlos hinterherspielen würden.

Freilich, diese künstlerisch konsequente Entscheidung ist allein auf Grund der finanziellen und politischen Zwänge auf absehbare Zeit nicht machbar. Das Beispiel Münchner Staatsoper, wo Barockspezialist Ivor Bolton mit dem Bayerischen Staatsorchester arbeitet, zeigt immerhin, dass eine Lösung mit der Staatskapelle ein second best werden kann.

Ohnehin hängt vieles in Stölzls Masterplan an den Mastern und Maestros, die dieses Konzept tragen sollen. Obwohl sich Stölzl über laufende Verhandlungen mit gutem Grund ausschweigt, pfeifen bereits die Spatzen von den Dächern, dass der kaufmännische Direktor der deutschen Oper, André Schmitz, beste Aussichten auf den Posten des Vorstandsvorsitzenden besitzt und dass Generalmusikdirektor Christian Thielemann zu einer Versöhnung mit Intendant Udo Zimmermann bereit ist und an die Deutsche Oper zurückkehren soll. Mit dem Reformpapier wird ein Verbleib Daniel Barenboims an der Staatsoper dagegen vollends unwahrscheinlich: Einmal, weil kaum vorstellbar ist, dass sich Barenboim bereit erklären wird, ein reduziertes Sinfonieorchester mit einem Repertoire zu dirigieren, das ihn eingestandenermaßen nicht interessiert. Zum anderen, weil sich Barenboim durch Stölzl verschaukelt fühlen muss. War der Kultursenator doch erst vor einigen Wochen zum Maestro nach Chicago geflogen, um ihn zum Bleiben zu bewegen. Hinterher hatte er Krokodilstränen vergossen über Barenboims Weigerung, ohne Etataufstockung in Berlin zu bleiben. Zu einem Zeitpunkt, wo der Masterplan mutmaßlich schon fast druckreif vorlag. Man könnte das Taschenspielerei nennen. Oder, feiner, Diplomatie. Oder einfach Kulturpolitik.

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