Kultur : Berliner Opernstreit: Bund fürs Leben

Jörg Königsdorf

Verliebte sind nun mal so. Erst machen sie völlig übertriebene, sinnlose Geschenke, und dann, wenn es drauf ankommt, kriegen sie kein Wort heraus. So wie die Bundespolitiker, nachdem sie sich beim "Tristan" fraktionsübergreifend und auf den ersten Akkord in die Staatskapelle verliebten. Drei Tage später stand der Bund mit dreieinhalb Millionen Mark vor der Tür und erklärte gleichzeitig, diese großzügige Geste habe für Berlins Opernreform weiter nichts zu bedeuten. An Heirat denken Verliebte eben zuletzt - als ob das Erwägen lebenspraktischer Details die Romantik zerstören würde. Dabei wäre eine Ehe zwischen Staatskapelle und Bund eine traumhafte Verbindung: weil sich beide Partner prima ergänzen und weil damit dem momentanen Lebensabschnittspartner der Staatskapelle, dem Land Berlin, aus der Klemme geholfen wäre.

Im Ernst: Um der finanzschwachen Hauptstadt unter die Arme zu greifen und gleichzeitig selbst zu profitieren, kann der Bund gar nichts Besseres tun, als Barenboims Orchester zur Bundeskapelle zu küren. Zum Nationalorchester, das als Botschafter in Sachen Beethoven, Brahms und Wagner rund um die Welt reisen kann und so nicht nur den Hauptstädtern zugute kommt. Die Staatskapelle mit ihrer 400-jährigen Tradition und der unmittelbaren historischen Anbindung an die Wechselfälle der deutschen Geschichte eignet sich dafür noch besser als die Berliner Philharmoniker. Auch mit denen hatte der Bund ja kürzlich geflirtet, allerdings vergeblich.

Zudem bekäme der Bund die Staatskapelle relativ günstig. Zu den bereits gewährten dreieinhalb Millionen für die Tariferhöhungen addierten sich schätzungsweise weitere 17 Millionen Mark Personalkosten, von denen das Orchester einen Teil durch seine Tournee- und Aufnahmetätigkeit wieder einspielt. Außerdem wäre das Engagement des Bundes kalkulierbar, weil bei Orchestern eben ausschließlich Personalkosten anfallen - anders als bei Opernhäusern.

Auch die Staatskapelle dürfte dem Bund gern ihr Jawort geben - selbst wenn sie ihr Elternhaus, die Staatsoper, dann verlassen müsste. Mit ihrem Chef Daniel Barenboim ist sie ohnehin immer mehr zum Konzertorchester geworden - regelmäßige Besuche im heimischen Orchestergraben bei Wagner- und Strauss-Aufführungen sind auch weiterhin erwünscht. Zugleich wäre aber auch der Weg für eine Berliner Opernreform endlich frei. Denn neben einer wesentlichen Entlastung des Kulturetats wäre auch die künftige Profilierung der Staatsoper vorgezeichnet: Im Gegensatz zu den Repertoirehäusern, der Komischen und der Deutschen Oper, könnte sich die Lindenoper als Festspielort profilieren, der Musiktheater auf dem jeweils bestmöglichen Niveau bietet. Großes Repertoire mit der Staatskapelle und Zeitgenössisches wie Klassisch-Vorklassisches mit Spezialensembles. Der Weg, den die Staatsoper mit ihrer Festspiel-Politik und ihrer Barockopern-Pflege bereits erfolgreich eingeschlagen hat, würde damit fortgesetzt. Jetzt muss sich der Bund nur trauen, seinem Herzen zu folgen und seine zarten Bande zu einer stabilen, harmonischen Beziehung festigen.

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