Kultur : Berliner Orchesterkrise: Verbotene Hiebe

Als leidenschaftliche Soap-Opera-Zuschauer haben wir es längst gemerkt: Berlins Orchesterszene funktioniert nach der gleichen goldenen Regel wie die Vorabend-Dauerbrenner "Verbotene Liebe" und "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten". Ein Beziehungskonflikt darf erst dann beendet werden, wenn der nächste in den Startlöchern lauert. Acht Paare sieht das Drehbuch dieser "Berlin Classic"-Soap vor, deren abwechselnder Knatsch die Einschaltquoten im vergangenen Jahr hochgetrieben hatte: Beim letzten Mal konnten sich die Fans in aller Welt darüber freuen, dass Simon Rattle endlich seine Philharmoniker bekam, während DSO-Chef Kent Nagano mit einer aufgebauschten Rücktrittsdrohung für den obligatorischen cliff hanger sorgte. In der neuen Folge geht es um das Orchester der Deutschen Oper und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, die beide eine zeitlang in den Hintergrund getreten waren. Soap-Spezialisten werden freilich schon längst geahnt haben, dass die Deutsche Oper früher oder später wieder ins Spiel kommen würde, nachdem im letzten Jahr der Rosenkrieg um Christian Thielemann das Publikum über etliche Folgen in Bann gehalten hatte: Allzu leichtfertig hatte Intendant Udo Zimmermann damals den Musikern mehr Geld versprochen, um sie gleichauf mit Barenboims Staatskapelle zu bringen, deren glücklicher 3,5-Millionen-Kanzler-Gewinn bislang zu den originellsten Einfällen der Serie gehörte.

Nun hat der Orchestervorstand der Deutschen Oper in einem offenen Brief dem Intendanten das Vertrauen aufgekündigt und ist geschlossen zurückgetreten - wohl auch, weil Berlins Kultursenatorin Adrienne Goehler unmissverständlich klar gemacht hatte, dass Gehaltsaufbesserungen für die Musiker angesichts der Berliner Haushaltslage nicht zu erwarten sind. Wie sich der Konflikt entwickeln wird, ist noch offen - bis vielleicht das alte Soap-Opera-Gesetz in Kraft tritt, dass Darsteller mit zu hohen Gagenforderungen einfach ausscheiden.

Im Honeymoon befindet sich dagegen das (Ost-)Berliner Rundfunk-Sinfonieorchester: Nachdem Ex-Chef Rafael Frühbeck de Burgos vor zwei Jahren desertiert war, hatten sich die Musiker von Anfang an auf Marek Janowski als Nachfolger festgelegt. Nun haben sie ihn endlich bekommen und sind damit auch der drohenden Gefahr eines massiven Personalabbaus entronnen - erfahrene Soap-Zuschauer wissen allerdings, dass auch dieses Glück nur temporär sein kann: Denn wie viele Beziehungsopfer hat das RSB aus seinen Fehlern nichts gelernt und sich mit Janowski einen Kapellmeister alten Schlages gesucht, der Frühbecks Linie, großes Repertoire in mittelmäßiger Qualität zu spielen, nahtlos weiterführt. Der sicherste Weg, den Anschluss endgültig zu verlieren.

Spannend bleibt allerdings, wie die Gesellschafter der Rundfunkorchester und -Chöre (ROC) bei einem strukturellen Defizit von sechs Millionen jährlich das RSB und gleichzeitig Kent Naganos DSO in voller Besetzungsstärke finanzieren wollen. Mehr davon in der nächsten Folge.

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