Kultur : Berliner Orchesterszene: Teure Harmonie

F. H.

Große Dirigenten lassen sich nicht gerne dreinreden, wenn es um künstlerische Fragen geht - nicht von Kritikern, aber auch nicht von Menschen aus dem eigenen Haus, die eigentlich für finanzielle Belange zuständig sind. Darum bekam Kent Nagano, Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters (DSO), einen Schreck, als er las, dass die neue Geschäftsführerin der Rundfunkorchester und -chöre GmbH (ROC), Bettina Pesch, den Titel "Intendantin" tragen werde. Das klang so, als ob die Kulturmanagerin bei der DSO-Programmplanung ein gewichtiges Wörtchen mitzureden habe. Also schickte er eine Rücktrittsdrohung an die ROC-Gesellschafter, die viel Wirbel machte. Inzwischen konnte jedoch geklärt werden, dass Nagano mit seinem Team, dem Orchesterdirektor Thomas Schmidt-Ott und dem scheidenden ROC-Intendanten Dieter Rexroth, der künftig dramaturgische Aufgaben wahrnehmen wird, weiterhin autonom planen kann. Auf diesen sommerlichen Sturm im Wasserglas wird für die ROC-Finanziers Deutschlandradio, SFB, Berlin und Bund ein heißer Herbst folgen: Die ROC will Naganos Vertrag über 2003 hinaus um fünf Jahre verlängern - leisten aber kann sie sich das eigentlich nicht. Die Gesellschafter haben ihre Beiträge eingefroren, es muss also strukturell gespart werden. Nagano aber hat ehrgeizige Pläne und wünscht sich einen eigenen Saal für das DSO, weil er nicht darauf angewiesen sein will, von der Philharmonie Termine zugeteilt zu bekommen. Was in dem Vertragsentwurf steht, den Nagano inzwischen erhalten hat, weiß derzeit keiner. Unklar ist ebenso, wie die Gesellschafter künftig den Frieden innerhalb der ROC finanzieren wollen: Sie haben nämlich auch dem innerbetrieblichen Konkurrenten des DSO, dem chefdirigentenlosen Rundfunk-Sinfonieorchester zugesagt, alles dafür zu tun, um den RSB-Wunschkandidaten Marek Janowski nach Berlin zu holen. Und der arbeitet auch nicht umsonst.

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