Kultur : Berliner Orphtheater: Wie Paul Scheerbart missverstanden wird

Norbert Tefelski

Pfiffig-visionäre Romane, experimentell helle Dramen, fabulöse Petitessen. Für die Theatertruppe "Ziguri Ego Zoo" hätte Paul Scheerbart all dies nicht zu schreiben brauchen. Dann hätte er mehr Zeit zum Saufen gehabt. Diese seine Neigung genügt dem Sextett um Dieter Kölsch und Roswitha Kreil ohnehin, um ihr "Blaskapellenepos" mit dem Namen des 1915 gestorbenen Dichters zu verknüpfen. "Reicht mir meine Platzpatronen, denn mich packt die Raserei": Ein paar plakative Sätze dieser Art, einige gut als prädadaistisch verkäufliche Prosafetzen, und fertig ist der einstündige Mummenschanztanz. Der kennt ausschließlich Ausrufungszeichen! Hauptsache grotesk!, schreit die fette Schminke oberhalb der Fantasieuniformen. Verfremden! Verfremden!, donnert live geblasener und aufgezeichneter Sound durch die nach Off-Maßstäben aufwendige Inszenierung.

Ein Blitz trennt einzelne Szenen, die letztlich doch untrennbar sind - als minutiös choreografiertes Dauergrimassieren, das allein beim Zuschauen Gesichtskrämpfe erzeugt. Vielleicht weil sie wissen, dass verspielt-skurrile Geschichten eher zurückhaltenden Vortrag erfordern, ziehen es die Akteure vor, wortlos auf Paletten über die Spielfläche des Orphtheaters zu rollen. Damit nehmen sie den expandierenden Großstadtverkehr und die Mechanisierung zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ins Visier. Vorgeführt als Abklatsch toter Theater-Avantgarde, zugleich Fortsetzung der altwestberliner Experimentierzirkel RAMM, ZATA und 100Fleck: Ein Ego-Zoo stellt sich zur Schau. Soll er, aber bitte ohne das Schildchen "Scheerbart" am Gehege.

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