Berliner Philharmonie : "Die ganze Welt liebt dieses Haus"

Peter Riegelbauer vom Orchestervorstand der Berliner Philharmoniker spricht im Tagesspiegel-Interview über das Glück im Unglück.

Herr Riegelbauer, wie ist die Stimmung unter den Philharmonikern einen Tag nach dem Brand der Philharmonie?

Wir treffen uns ja gleich zur Probe des Beethoven- und Berlioz-Konzerts mit Claudio Abbado im Konzerthaus, dann sehen wir uns zum ersten Mal nach dem Brand. Aber unsere Kommunikationswege haben wunderbar funktioniert. Alle 120 Orchestermitglieder und das riesige Ensemble für dieses Konzert mit weit über 600 Mitwirkenden auf der Bühne konnten wir seit Dienstag erreichen. Soweit wir uns schon verständigt haben, sind wir aber alle sehr froh und vor allem erleichtert, dass es so glimpflich ausgegangen ist mit der Philharmonie. Wir haben Riesenglück gehabt und sind den Einsatzkräften unendlich dankbar, dass niemand zu Schaden gekommen ist, auch keins unserer Instrumente. Wir können unseren Spiel- und Probenbetrieb schon in wenigen Tagen wieder aufnehmen, suchen allerdings noch nach einer Ersatzspielstätte für unsere drei Konzerte mit Simon Rattle ab Donnerstag nächster Woche.

Ist auch den Musikern die Bedeutung des Scharoun-Baus noch einmal ganz anders bewusst geworden?

Absolut. Man kommt täglich zum Musizieren hierher, alles ist vertraut und selbstverständlich. Wenn dieser Schatz, unsere geliebte Philharmonie plötzlich zwar nicht in Flammen steht, aber doch in Rauchwolken gehüllt ist, wird einem bewusst, wie sehr einem das Haus am Herzen liegt. Nicht nur uns, den Philharmonikern, sondern ganz Berlin und der Musikwelt weit darüber hinaus. Ich habe Anrufe von Freunden aus aller Welt bekommen, die um die Philharmonie bangten, zumal die Dinge aus der Entfernung ja manchmal noch dramatischer aussehen. Zum Beispiel hat sich Elmar Weingarten, unserer früherer Intendant, der jetzt die Tonhalle Zürich leitet, sofort gemeldet, voller Solidarität und Anteilnahme. Die Stadt und die ganze Welt gucken auf dieses Haus, das sehr geliebt wird. Das ist schön zu sehen.

Ist das Gebäude selber eine Art kostbares Instrument, das nun ein paar Kratzer bekommen hat?

Wenn die Philharmonie ein Instrument wäre, wäre es schlimmer. Wenn ein wertvolles Streichinstrument auch nur an der Oberfläche beschädigt wird, ist das kaum so zu reparieren, dass es hinterher genauso klingt wie vorher. Aber der Blechschaden auf dem Dach beeinträchtigt nicht den Resonanzraum der Philharmonie. Altes wird durch neues Blech ersetzt, das spielt keine Rolle für die Musik in der Philharmonie. Der Saal und seine Akustik sind von dem Brand unberührt. Es gibt im Grunde nur materiellen Schaden, und den regeln hoffentlich die Versicherungen.

Was geht einem Musiker als erstes durch den Kopf, wenn er hört, die Philharmonie brennt: Hilfe, wo ist mein Instrument?

Zuallererst sorgt man sich darum, dass Menschen zu Schaden kommen könnten. Dann kümmert man sich um die Instrumente, während einem bang ist, ob das Haus nicht vielleicht doch noch zusammenstürzt – man hat da ja Bilder im Kopf, aus Berlin und anderswo. Schließlich fällt einem das ebenfalls kostbare Notenarchiv ein. Aber auch dem ist zum Glück nichts geschehen.

Haben Sie denn mit Ihrem Chefdirigenten Simon Rattle telefoniert?

Ja, häufig, am Dienstag und am Mittwoch, er konzertiert gerade in Aix-enProvence. Er ist mit der Philharmonie längst sehr eng verbunden. Es ist auch sein Haus, er ist uns da ganz nah. Es ist toll, er kommt am Samstag aus Frankreich zurück und wird abends beim Waldbühnenkonzert dabei sein und im Publikum sitzen, wenn Claudio Abbado dirigiert.

Was sagen denn die Musiker zum Ausweichquartier Waldbühne? Am Freitagabend ist dort Generalprobe, auch wegen der ja nicht unkomplizierten Akustik.

Die Wettervorhersage ist sehr gut, wir freuen uns auf das Waldbühnen-Konzert. Claudio Abbado, mit dem ich eben telefoniert habe, ist zwar ein wenig enttäuscht, er hätte die drei Konzerte sehr gerne in der Philharmonie dirigiert. Aber er freut sich natürlich auch, dass am Sonnabend um 19 Uhr so viele zusätzliche Besucher kommen können.

Wird die Orchesterrepublik am Ende gestärkt aus dem Unglück hervorgehen?

Ich denke, nicht nur wir Musiker rücken näher zusammen, sondern die gesamte Berliner Kulturgemeinschaft. Die Philharmonie ist das Wahrzeichen ihrer Liebe zur Musik.

Die Fragen stellte Christiane Peitz. – Siehe auch Seite 11. Weitere Informationen: www. berliner-philharmoniker.de

Peter Riegelbauer, geboren 1956 in Georgensmünd, wurde 1981 Mitglied der Berliner Philharmoniker. Seit 1997 ist der Kontrabass ist im Orchestervorstand aktiv.

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