Kultur : Berliner Philharmonie: Graziös verhauchend, kompromisslos modern

Jörg Königsdorf

Eigentlich ist schon mit der Einleitung zu Mozarts Es-Dur-Sinfonie alles klar: Dass dies keiner der üblichen Mozart-Abende werden wird, bei dem diese Sinfonien nur als Pflichtbeweis dienen, dass der große Klangapparat auch kaminfigurenkompatible Porzellanmusik fabrizieren kann. Das war von Simon Rattle auch nicht zu erwarten: Der designierte Philharmoniker-Chef ist einer der wenigen Musiker, der die Quadratur des Kreises von reflektierendem Stilbewusstsein und musikantischer Unmittelbarkeit beherrscht. Diesmal also Mozart, nicht mit seinem Orchester in spe, sondern mit dem Orchestra of the age of enlightenment, dem Philharmoniker-Äquivalent auf Originalinstrumenten. Spannungsvoll in jeder Faser, von jener so behutsam zwischen Vorwärtsdrängen und Retardieren ausgependelten Einleitung an. Zahllos die Fülle an Details, der dialogischen Querbeziehungen, Winke und Andeutungen die Rattle im transparente Klangbild aufscheinen lässt und die sich in der Philharmonie stets zu neuen Einsichten fügen: Statt in der g-moll-Sinfonie das berühmte Thema nach sentimental romantischer Art auszurollen, lenkt er das Ohr auf die drängende, von den Bratschen getragene Grundbewegung, auf der die Melodie haltlos dahinzutreiben scheint. Das ist in den graziös verhauchenden Melodien Rokoko, in der hervorgekehrten Schroffheiten und Frontalkontrasten der g-moll-Sinfonie Strum und Drang, im festlich pompösen Gestus der Jupiter-Sinfonie spätbarock und in seiner kompromisslosen Ausdrucksintensität modern. Mehr ist nicht möglich.

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