Berliner Philharmoniker : Davon geht die Welt nicht unter

Mit der „Götterdämmerung“ vollenden Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker ihr Wagner-Projekt in Aix en Provence.

Frederik Hanssen

Frankreich und Richard Wagner, sie verbindet eine amour fou. Immer wieder hatte der Komponist versucht, in Paris Fuß zu fassen; als die Opéra 1861 seinen „Tannhäuser“ zeigte, wurde die Zukunftsmusik jedoch vom konservativen Stammpublikum ausgepfiffen. Nur die Intellektuellen schlugen sich auf seine Seite, Musiker gleichermaßen wie Literaten, gründeten die Kunstzeitschrift „Revue wagnérienne“ und pilgerten später nach Bayreuth, weil das offizielle Paris sich bis 1893 einer vollständigen Aufführung des „Ring des Nibelungen“ verweigerte.

Wenn sich mit der Premiere der „Götterdämmerung“ nun der erste „Ring“ beim Festival von Aix en Provence rundet, kann man das als finalen Sieg des Wagnérisme in Frankreich feiern. Zumal, wenn die Berliner Philharmoniker im Graben sitzen. Die wahnwitzige Idee, das 16-Stunden-Mammutwerk mit dem deutschen Spitzenorchester, Simon Rattle und einem französischen Regisseur zu stemmen, hat manches in Bewegung gebracht in der Provence. Lange schon gab es den Plan, dem 1948 gegründeten Festival ein eigenes Theater zu bauen; Stadt und Region haben 45 Millionen Euro dafür aufgebracht. Das „Rheingold“ wurde 2006 noch unter freiem Himmel in der traditionellen Spielstätte des Bischofpalasts gezeigt, zur „Walküre“ war das 1400Plätze-Haus mit Ach und Krach bespielbar. 2008 ließen sich die Annehmlichkeiten des modernistischen Baus beim „Siegfried“ erstmals beurteilen: der warme Raumklang wie die nahezu lautlose Klimaanlage, bei 33 Grad Außentemperatur ein Faktor, der den Kunstgenuss steigert.

Ein irrwitziges Unterfangen bleibt es dennoch: Für vier Aufführungen kommen die Berliner in voller Orchesterstärke sechs Wochen lang in die Provence, zur „Götterdämmerung“ wurde zusätzlich der komplette Rundfunkchor eingeflogen. Kein Wunder, dass die Tickets trotz staatlicher Subventionen bis zu 350 Euro kosten. Die Krönung jedes „Ring“- Projekts – eine zyklische Aufführung aller vier Teile des Musikdramas – hat man sich in Aix schon bei der Planung abgeschminkt.

Die dem Regietheater weitgehend abgeneigten Franzosen stören sich nicht an den braven Bebilderungen, die der in Personalunion für Inszenierung und Ausstattung verantwortlich zeichnende Stéphane Braunschweig anbietet. Für den Gast aus Berlin dagegen bleibt die Optik auch bei der „Götterdämmerung“ ein Ärgernis. Ein paar einwandfreie Videoeinspielungen, mehr hat Braunschweig zum Weltuntergangsdrama nicht zu bieten. Den Figuren durch psychologisch fundierte Personenführung Charakter zu verleihen, gelingt ihm kaum. Wer nicht selber Schauspieltalent mitbringt wie Dale Duesing bei seinem Kurzauftritt als Alberich, steht schlaff herum, flüchtet sich in altbackene Sängergesten.

So steht auch im Finale der Tetralogie die Frage im Zentrum, wie sich die Philharmoniker als Opernorchester schlagen. Wenn Simon Rattle darauf verweist, dass Herbert von Karajan einst so sehr auf den Bau des Großen Festspielhauses in Salzburg gedrängt hatte, weil er dort ab 1967 den „Ring“ mit den Berlinern aufführen wollte, ist das nicht ohne Risiko. Sein Vor-Vorgänger war ein gewiefter Musiktheatermann, der das Opernhandwerk von der Pike auf gelernt hatte. Rattle dagegen hat keine Stadttheatererfahrung, die Mühen der Ebene kennt er nur beim sinfonischen Repertoire. Und bei den radikal verjüngten Philharmonikern kann nur noch eine Handvoll auf Karajan-Erlebnisse zurückgreifen.

Wobei sich die fehlende „Ring“-Routine vergangenen Sommer beim „Siegfried“ als Glücksfall erwies. Auch eingefleischte Wagnerianer betrachten den dritten Abend des Zyklus als dramaturgischen Durchhänger, als notwendiges Übel auf dem Weg zu den Freuden der „Götterdämmerung“. In endlosen Szenen fassen die Protagonisten zusammen, was bisher geschah. Rattle und die Seinen aber begegneten dem klingenden Material mit Neugier und Forscherdrang, behandelten jede Erkennungsmelodie so liebevoll, als tauchte sie zum ersten Mal auf, lauschten aufmerksam aufeinander und führten die einzelnen Stimmen in einen Klangstrom zusammen, leuchtend wie flüssiges Gold.

Auch in der „Götterdämmerung“ bleiben die Philharmoniker der Star, beim Schlussapplaus erheben sich die Zuhörer spontan für das Orchester. Unvergleichlich, wie die Cellogruppe ihre Melodie beim Übergang von der Nornen-Szene zum Brünnhildenfelsen formt, wie sich dann der Sonnenaufgang klanglich entfaltet. Großartig der Perlmuttschimmer der Streicher in Siegfrieds Rheinfahrt, berückend die Strahlkraft der Blechbläser. Und doch lautet das Fazit dieses Abends, dass Rattle und Wagner nicht zusammenpassen. Der britische Dirigent mag sich dem Pathos dieser Musik einfach nicht hingeben, will sich nicht vom Sog mitreißen lassen, sich dem Weltendeutungsanspruch des Komponisten stellen. Rattle bleibt distanziert, wo er brennen müsste, verweigert Atmosphärisches und setzt dafür auf eine Textverständlichkeit der gestelzten Stabreime, die gerade in Frankreich unnötig erscheint. Ständig drückt er auf die Tempobremse und zerstört damit den dramatischen Bogen, er differenziert, relativiert, wo er zupacken und scharf akzentuieren müsste.

Das Ergebnis: edle Langeweile. Auch weil er sich für seine antiheroische Wagner-Sicht Sänger mit eher lyrischen Stimmen gewünscht hat. Zumindest möchte man hoffen, dass es sich um eine Vorgabe des Dirigenten handelt. Denn wenn Eva Wagner-Pasquier, die in Aix seit langem als künstlerische Beraterin arbeitet, diese „Götterdämmerungs“-Besetzung für angemessen hält, lässt das Schlimmes befürchten für die Bayreuther Festspiele, die sie ab diesem Sommer zusammen mit ihrer Halbschwester Katharina leitet.

Ben Heppner zählt zweifellos zu den intelligentesten Tenören unserer Zeit – den Siegfried aber sollte er nicht singen. Dazu fehlen ihm die Statur und der metallische Höhenglanz. Katarina Dalayman bewegt sich auf der Bühne, als sei sie im falschen Stück gelandet, tastet sich mit lyrischem Sopran vorwärts, eine Belcanto-Diva, die Bellinis „Norma“ sein möchte, aber nicht das Zeug zur Brünnhilde hat. Die interessanteste Stimme des Abends gehört Mikhail Petrenko, vermag er mit seinem Bariton doch musikalisch so virtuos zu grimassieren wie weiland die Stummfilmdarsteller mit ihren Gesichtsmuskeln. Als Hagen aber ist er eine glatte Fehlbesetzung: Dessen tiefschwarze Seele braucht eine ebensolche Stimmfarbe, wenn der gefährliche Spielmacher nicht wie hier zum pfiffigen Kerlchen zusammenschnurren soll.

Drei große Sinfonie- und diverse exquisite Kammerkonzerte werden die Philharmoniker noch in Aix en Provence geben, bevor sie nach der letzten „Götterdämmerung“ am 12. Juli ihre Zelte abbrechen. Und natürlich hatten sie wieder ihre Education-Abteilung für Jugendprojekte dabei. Mögen die Berliner in Südfrankreich auch den „Ring“ nicht neu erfunden haben, eines ist ihnen nach dem verrückten Vier-Jahres-Projekt gewiss: die amour fou des französischen Publikums.

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