Berliner Philharmoniker : Der Held aus Juda steigt empor

Peter Sellars setzt in der Philharmonie Bachs Johannes-Passion in Szene, Simon Rattle dirigiert.

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„Was ist Wahrheit?“ Das ist die Frage, mit der Christian Gerhaher in der Rolle des Pilatus einen großen Moment der Meditation in die bewegte Aufführung trägt. Ein solches Stillhalten überragt in der Wirkung vieles, was die szenische Aufbereitung der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach dem Auge bietet.

Der Rundfunkchor Berlin, bewundernswert in rhythmischen Übungen und auswendig singend wie alle mitwirkenden Vokalisten, verdoppelt optisch gleich im Eingangschor die musikalische Aussage: „Niedrigkeit“ bedeutet zu Boden gehen, „Herr“ und „Ruhm“ heißt Hände himmelwärts, Gestik, die im polyphonen Satz durch die Reihen der einheitlich schwarz gekleideten Choristen gleitet.

Regisseur Peter Sellars ist nach der gemeinsamen Matthäus-Passion zu Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern zurückgekehrt, um nun auch die Passionsmusik nach dem Evangelisten Johannes auf die Bühne der Philharmonie zu stemmen. Wie schwierig Lebenswahrheit im Konzertsaal zu realisieren ist, bestätigt sich, wenn des Hohepriesters Knecht eine Andeutung von Wundbehandlung erfährt, nachdem Petrus ihm ein Ohr abgeschlagen hat. Dieses „So tun, als ob“ gilt auch für „Backenstreiche“ und andere Plagen Jesu. Dass eine Metapher, etwa die von den Sünden, „die sich wie Körnlein finden“, den Regisseur veranlasst, die Sängerschar mitten im Choral auf dem Podium nach „Körnlein“ krabbeln zu lassen, zeigt die gefährliche Nähe von Erhabenheit und Komik. Aber auch eine Naivität, die es ernst meint. Jesus wird von der Seele, deren Schmerz Magdalena Kozená in ihrem Gesang reflektiert, geherzt, von den Sündern angebetet, als schwer Gefolterter von den Kriegsknechten über die Bretter geschleift. Am Boden gekrümmt, singt Roderick Williams kraftlos, ganz ohne Pathos, leise, rührend zu Pilatus: „Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht wäre von oben herab gegeben.“

Im langsamen Teil der berühmten Arie „Es ist vollbracht“ hält Kozená die Hand des Gekreuzigten, der alsbald in die Höhen des Scharounsaals entsteigt: „Der Held aus Juda siegt mit Macht.“ Der Raum spielt mit. Und als bekannt wird, dass der Vorhang im Tempel zerriss, stürzt das Chorvolk zu Boden. Neben Canilla Tilling und Topi Lehtipuu führt Mark Padmore die hellen Stimmen an: ein Evangelist, der zum empfindsamen Prediger wird, „auf dass ihr gläubet.“

Kostbare philharmonische Soli (Flöten und Oboen da caccia), im Continuo das Cello Olaf Maningers, Spezialisten an Violen d’amore und Gambe wie Rattles Engagement stehen für den klingenden Rang ein. Das Ganze, im zweiten Teil mit gesteigerter Spannung, ist als musikalische Interpretation keine revolutionäre Neuheit, eher nach dem Willen von Sellars: ein Gebet.

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