Berliner Philharmoniker : Die Feuerreiter

Festival d’Aix: Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker glänzen mit Wagners „Walküre“.

Christine Lemke-Matwey
Walküre
Himmlisches Kind. Brünnhilde (Eva Johannsson) ruht sich aus, im Schlussbild von Stephan Braunschweigs Inszenierung. -Foto: AFP

Ganz am Ende, als man schon fast nicht mehr daran glauben möchte, nach einer ausgespinselten impressionistischen Todesverkündigung und einem Walkürenritt, der wie eine barocke Festouvertüre anhebt, leichtfüßig, flötentrillergrell – am Ende ereignet sie sich doch noch: die große Wagnerlust. Wotans Abschied von Brünnhilde, das „letzte Mal“ zwischen dem Vater und Weltgott und seinem kühnen, herrlichen Kind, die allerletzte Innigkeit. Und wahrhaft Inniges auch aus dem Orchestergraben. Als begriffen die Berliner Philharmoniker in diesem Moment etwas von der Endlichkeit, der Brüchigkeit ihres fünf Stunden lang auf Hochglanz polierten, gegen alle Fährnisse imprägnierten Mahagoni-Wohllauts; als entdeckte Simon Rattle hier und jetzt, was die Oper von der Symphonie unterscheidet, das Drama von der Tondichtung, ja von allem Epischen: die Angst vor dem Tod.

Der Feuerzauber schließlich – und das macht das Finale dieses szenisch reichlich müden, musikalisch reichlich selbstgefälligen Spektakels stark – stellt eine der wenigen Szenen dar, die Wagners Wort vom Musik-Theater ernst nimmt. Die Seitenwände des alten Schuhschachtelraums (wie schon im „Rheingold“ übernimmt Stéphane Braunschweig neben der Regie auch hier die Verantwortung für Bühne und Video), an deren Fuß es soeben noch hübsch surrealistisch zischte und züngelte, sie verschwinden und öffnen den Blick – ins blanke Nichts. Was bleibt und den Flammen weiter Nahrung gibt, ist die dritte Mauerscheibe, der Walkürenfelsen. Davor ruht Brünnhilde, in Helm und Ornat, auf drei plüschrot bezogenen Rokoko-Stühlchen.

Ein treffliches Bild. Rattle nämlich schafft es, der Wehmut des väterlichen Abschieds mit blitzenden Triangelschlägen und funkelndem Schlagwerk die ganze Hybris des Feuerbetts entgegenzusetzen, jene eiskalte Tragödie einer offenkundig falsch verstandenen Tochtertreue und -liebe. Überhaupt neigt der Philharmonikerchef dazu, was mal gut ausgeht, mal weniger gut, diesen ersten „Ring“- Tag ästhetisch überzuinstrumentieren, die Partitur in gewisser Weise auf den Kopf zu stellen, sie besser machen zu wollen, schärfer, spitzer, bitterer, lichter, als sie der Welt bislang erschien. Mit einem hochdelikaten Bläserkonzert zu Brünnhildes Rechtfertigung im dritten Akt („War es so schmählich“), mit Tuttifarben für Wotan, für Hunding, wie sie schillernder, schwärzer, stählerner, erdiger und bei allem doch: eleganter kaum sein können. Und mit Tempi, die förmlich stille stehen, so sehr weiden sie sich an der Opulenz, am überschießenden Luxus der orchestralen Mittel.

Rattles Philharmoniker, so viel ist schon während des sehnig sahnig wippenden Vorspiels sicher, lassen an diesem Abend sämtliche Muskeln spielen. Eine „Walküre“, wenn man so will, mit idealem body mass index. Die eminenten Selbstverführungskräfte freilich, die dabei frei werden, sind auch eminent heikel. Denn was sagt eine Todesverkündigung eigentlich, wenn sie vor lauter aquarellistischem Gebaren, vor tausenderlei harmonischen Farbtupfern hier und dynamischen Pianissimo-Rückungen da die dramatische Spannung nicht hält? Und was ist ein traumschönes Cello- oder Holzbläsersolo letztlich anderes als eine kühne Sprungfeder in einer löchrigen Matratze, als die perfekte Pirouette inmitten einer namenlosen Kür – wenn die Tektonik nicht überzeugt, der Bogen der Bezüglichkeiten, die Entfaltung des Sinns aus dem musikalischen Verlauf heraus?

Absurd und rührend zugleich jedenfalls, wie Sir Simon und die Sängerschar im Schlussjubel in Aix-en-Provence geschlossen an der Rampe knien, um die Philharmoniker förmlich emporzustreicheln, aus der „unsichtbaren“ Tiefe ihres Grabens in den gleißenden Schein der Saal-Kameras und Blitzlichter. Weder Willard Whites röhrend belegter Wotan drängt sich bislang zum Star des provenzalischen „Rings“ auf, noch Eva Johanssons enttäuschend wenig hochdramatische, bisweilen schrille Brünnhilde, Robert Gambills heiserer Siegmund oder Lilli Paasikivis Fricka. Das Orchester ist’s. Und Richard Wagner, der alte Gesamtkunstwerker, der wollte, dass seine Musik buchstäblich aus dem Nichts kommt und so wirklich ist und so natürlich, wie nur die Welt natürlich und wirklich sein kann, er dreht sich ächzend im Grabe um.

Doch zurück zum Feuerzauber. Bei besagtem Walkürenfelsen nämlich – Natursteinwand mit Fensternische – ertappt man sich bei dem Gedanken, hier würde in effigie das niegelnagelneue, nur mit äußerster Not zum Premierentermin halbwegs fertiggestellte Opernhaus, das Grand Théâtre de Provence, gleich wieder abgefackelt. Ein nach innen gestülptes Amphitheater, außen viel Naturstein, wie gesagt, innen Holz, Marmor, rote Teppiche, alles irgendwie südlich angehaucht und ziemlich schäbig (der Architekt Vittorio Gregotti stammt aus Italien und baut ansonsten gern in China). Gerade einmal 45 Millionen Euro haben sich Land, Stadt und Festspielleitung die Tatsache kosten lassen, nach Jahrzehnten unter freiem Himmel, im Théâtre de l’Archevêché, endlich professionelle Arbeitsbedingungen anbieten und für rund 1300 Besucher Platz schaffen zu können. Im Neubauviertel, wohlgemerkt, wo nicht einmal die Bürgersteige fertig sind und die Gäste des Public Viewing bei lebendigem Leib verhungern und verdursten müssen.

Der Charme des Festivals von Aix, die Mückenschwärme, Mistralwinde und Gewitterwolken, die so manche MozartOper zur Existenzfrage werden ließen, dürfte sich damit ein für allemal erledigt haben. Aix gleich Gelsenkirchen gleich Bregenz, Bergen, Glyndebourne oder Berlin? Die Unverwechselbarkeit eines Orts wider das Schreckgespenst internationaler Standards?

Dass dieser philharmonische „Ring“ in Berlin vorerst nicht zu hören ist, wird seitens der Philharmonie übrigens mit der (überraschenden?) hauptstädtischen „Ring“-Dichte entschuldigt. Man will sich nicht als viertes Opernhaus am Platz gerieren. Vor Ort freilich gewinnt man den Eindruck, Rattle und die Seinen (lediglich 15 Musiker haben die Tetralogie jemals zuvor gespielt, unter Karajan vor 40 Jahren und anderswo) hätten alle miteinander durchaus noch ein bisschen zu üben. Und damit tun sie sich an der Peripherie, in der französischen Sommerfrische zweifellos leichter als zu Hause, wo nicht nur die Konkurrenz mit den Fingern trommelt sondern auch all jene, die vor Jahresfrist noch um den „deutschen Klang“ des Vorzeigeensembles bangten.

Diesen zumindest sei nun mit fester Stimme zugerufen: „Deutscher“, gründelnder, ausgezirkelter geht es kaum! Ja, wem es eine Beruhigung ist, der könnte sogar eine gewisse Annäherung zwischen den aktuellen „Ring“-Kämpfern Simon Rattle (Aix) und Christian Thielemann (Bayreuth) konstatieren. Eine Ähnlichkeit in der Bevorzugung einzelner schöner Stellen, eine Mattigkeit in den großen Zweierszenen. Nur dass man Thielemann, dem Belcantisten, jederzeit einen dramatischen Bauch und Instinkt unterstellen würde, während man bei Rattle, dem Rhetoriker, das Gefühl hat, er drücke sich die Nase am Geschehen platt, ohne je etwas Größeres als den Augenblick zu entdecken. Derlei Vergleiche allerdings helfen einer Festspiel-„Walküre“ nicht wirklich auf, bei der Sieglinde (Eva-Maria Westbroek) und Hunding (Mikhail Petrenko) die sängerischen Lorbeeren davontragen, während Stéphane Braunschweigs Regie sich im üblichen modernistischen Ambiente auf Spielbeine und Standbeine konzentriert.

Merkwürdige Koinzidenz der Ereignisse: In der Provence bauen sie ein Opernhaus, um Wagner spielen zu können (wie jüngst in Valencia und bald wohl in Erl). Und Eva Wagner-Pasquier, Wolfgang Wagners Tochter aus erster Ehe und langjährige künstlerische Beraterin des Festivals von Aix, scheint ihrerseits für die Bayreuth-Nachfolge frisch im Gespräch. Der Wagner-Wind weht. Heiß und hartnäckig, und wo er will.

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