Berliner Philharmoniker : Ein Lotse geht von Bord

Nach 26 Jahren als Konzertmeister verlässt Toru Yasunaga die Berliner Philharmoniker. Warum?

Frederik Hanssen

Jeder, der die Berliner Philharmoniker liebt, kennt ihn. 1977, mit 26 Jahren, wurde Toru Yasunaga Mitglied der 1. Violinen, seit 1983 ist der Japaner einer der vier Konzertmeister des Orchesters. Mit Daniel Stabrawa, Guy Braunstein und Rainer Sonne teilt er sich abends den ersten Stuhl gleich links vom Dirigenten.

Doch so vertraut sein Gesicht den Konzertgängern ist, so wenig wissen sie über den Menschen Toru Yasunaga. Das liegt zum einen natürlich daran, dass er geradezu prototypisch fernöstliche Tugenden wie Höflichkeit und emotionale Kontrolle pflegt. Aber auch als Künstler ist er keiner, der großes Aufheben um seine Person macht. Demut ist der Schlüsselbegriff seines Kunstverständnisses – er will den Komponisten dienen, die er zusammen mit seinen Kollegen aufführt. Selbstverständlich weicht er im Gespräch darum auch der Frage nach seinen Vorlieben aus: „Ich interessiere mich immer für das Werk am meisten, das wir gerade erarbeiten.“

Akribisch bereitet sich Toru Yasunaga auf jedes Programm vor, erarbeitet sich zu Hause die komplette Partitur, denkt nächtelang an nichts anderes, wägt hier ein Detail, überlegt, wie sich dort die Kommunikation der einzelnen Orchesterstimmen am besten realisieren lässt. Denn am Abend ist es im Zweifelsfall nicht der Dirigent, sondern der Konzertmeister, auf den sich die Musiker verlassen. Er gibt den Impuls zum Einsatz, wenn mal wieder ein Kapellmeister Unklares in die Luft quirlt – oder gar das falsche Stück dirigiert, wie der schwer kranke Herbert von Karajan in den achtziger Jahren bei einem Japan-Gastspiel: Da musste Toru Yasunaga eingreifen, eigenmächtig Richard Strauss’ „Don Juan“ entfesseln, bis der Maestro nach ein paar Takten wieder bei der Sache war.

Dass der Konzertmeister gerade in Krisensituationen der wichtigste Akteur auf der Bühne ist, würde Toru Yasunaga natürlich nie behaupten. Er umreißt das Anforderungprofil lieber so: „Ich muss nur helfen.“ Für diese Hingabe an die Kunst, an die gemeinsame Sache lieben ihn die Philharmoniker. Darum wollten sie ihn eigentlich auch gar nicht fortlassen, als er verkündete, er wolle im Februar 2009 seinen Posten aufgeben, sieben Jahre vor dem offiziellen Rentenalter.

Doch Yasunaga schmeißt den Spitzenjob nicht hin, weil er etwa mit Simon Rattle unzufrieden wäre oder mit den Arbeitsbedingungen beim besten Orchester der Welt, sondern aus rein privaten Gründen. Berlin wird ihm und seiner Frau, der Pianistin Ayumi Ichino, immer musikalische Heimat bleiben – schließlich haben sich beide hier kennengelernt, Ende der siebziger Jahre, an der Hochschule der Künste. Dass sie ihren Lebensabend dennoch in Japan verbringen wollen, haben sie schon vor Jahren entschieden. Also hört Yasunaga jetzt auf: Weil ein Umzug um die halbe Welt für einen 58-Jährigen eben doch deutlich weniger stressig ist als für einen 65-Jährigen.

Am heutigen Sonntag beginn er seine Abschiedsrunde, tritt ein letztes Mal im Kammermusiksaal auf, mit einem exzentrischen Programm von Donizetti bis Webern und jenen Kollegen, mit denen er so oft unter dem Namen „Philharmonische Kammersolisten“ gespielt hat. In den kommenden Wochen folgen dann noch zwei sinfonische Programme mit Rattle, bei denen er am ersten Pult spielen wird. Dann steigt er in den Flieger, düst über acht Zeitzonen hinweg, dahin, wo alles begann, als die Eltern 1958 dem Siebenjährigen eine Geige in die Hand drückten. Zuerst empfand er das Violinspiel vor allem als Pflicht, wie begabt er war, fiel ihm selber gar nicht auf. Erst der Wechsel aus der Provinzstadt Fukuoka an die Musikhochschule in Tokio wird für den 15-Jährigen zum Schlüsselerlebnis. Als man dem Studenten nahelegt, die Ausbildung in Deutschland zu vervollkommnen, zögert Yasunaga, nicht wegen der Sprachbarriere – Englisch und Deutsch gehören zu seinen Pflichtfächern –, sondern weil er die vertraute Umgebung nicht verlassen möchte. Dann ringt er sich aber doch durch, mit den bekannten, glücklichen Folgen.

Sein Abschied ist übrigens gleich ein dreifacher. Von Berlin, von den Kollegen – und von seiner Stradivari: Die war Toru Yasunaga nämlich von der Nippon Music Foundation nur für die Zeit bei den Philharmonikern geliehen worden.

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