Kultur : Berliner Philharmoniker: Eine sichere Bank

Frederik Hanssen

Man kann sich die Schlagzeile vorstellen: "Landowsky verhindert Simon Rattles Enagement in Berlin." Mit Genuss wird der einstige Kulturstaatsminister und jetzige "Zeit"-Herausgeber Michael Naumann die Geschichte aus dem Sommer 2000 erzählen. Das Berliner Philharmonische Orchester hatte sich Hilfe suchend an ihn gewendet: Die Musiker fühlten sich von ihrem Rechtsträger, dem Land Berlin, schlecht behandelt. Seit Jahren bettelt man um eine Gehaltsanpassung, weil die Konkurrenz in München den Philharmoniker-Einkommen gefährlich nahegerückt ist und auch die Hochschulen immer häufiger Solisten abwerben.

Michael Naumann hatte schon seine Staatsministerarme ausgebreitet, um Deutschlands Spitzenorchester in die Obhut des Bundes zu übernehmen, da aber ging ein Aufschrei durch Westberlin: Die Frontstadt-Recken um Eberhard Diepgen wollten die Philharmoniker keinesfalls herausrücken. Naumann wisse wohl nicht, was dieses Orchester den Berlinern bedeute. Damals, als der Russe vor der Tür stand, hätten Karajan und die Philharmoniker den Inselbewohnern immer wieder neuen Mut gegeben. Nein, dieses Orchester müsse berlinisch bleiben - und es werde seine Wünsche erfüllt bekommen: die Umwandlung in eine Stiftung, um größere Unabhängigkeit von der Verwaltung zu erlangen, die Gehaltserhöhung, und auch das "Spielgeld" für die Belebung des Scharounschen Saalbaus. Versprach Eberhard Diepgen.

Ohne diese Voraussetzungen wollte auch Sir Simon Rattle sein Amt als Nachfolger von Claudio Abbado nicht antreten. Inzwischen droht sogar die Gefahr, dass die Philharmoniker ab Herbst 2002 am Ende ohne Chefdirigent dastehen. Denn angesichts der Haushaltskrise, die vom Missmanagement bei der Bankgesellschaft noch verschärft wurde, soll nach Recherchen des "Spiegel" jetzt sogar der "Lotto-Topf" einkassiert werden, aus dem in den letzten Jahren stets die schlimmsten Löcher im Kulturhaushalt gestopft wurden. Eins ist sicher: Ohne die 3,5 Millionen Mark für die Philharmoniker wird es keinen Simon Rattle in Berlin geben. Die Koalition steht in der Pflicht, der großspurige Lokalpatriot Eberhard Diepgen ebenso wie die kleinliche SPD, die auch kein klares Bekenntnis zu Simon Rattle über die Lippen bringt. Berlin, die gastfreundliche Hauptstadt. Selbst Alice Ströver von den Grünen hat jetzt wegen des Stiftungsmodells "strukturelle Bauchschmerzen". Da hilft nur eins: Landowsky, übernehmen Sie - die Rechnung. Und erklären Sie den Kulturchefs dieser Stadt, warum sie sparsam wirtschaften sollen.

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