Berliner Philharmoniker : Im Mondlicht

Simon Rattle und seine Philharmoniker am Sonnabend Richard Strauss‘ „Salome“ angehen, hört man zwar auf beeindruckende Weise die Komplexität der Partitur. Die dekadent-erotischen Untertöne aber werden nicht erlebbar

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Besondere Begabungen sind nicht immer nur hilfreich. Für ihre kammermusikalische Spielhaltung selbst im größten Ensemble werden die Berliner Philharmoniker weltweit geschätzt, für ein Musizieren mit wachem Geist, bei dem die Instrumentalisten nicht nur auf den Dirigenten starren, sondern immer auch die Stimmen ihrer Mitstreiter verfolgen, um aufeinander reagieren, miteinander agieren zu können. Der daraus resultierende luzide, durchhörbare Klang ist ideal für fast alles Sinfonische.

Macht das Orchester aber Ausflüge ins Musiktheater, kann das Resultat irritieren, vor allem im (spät)romantischen deutschen Repertoire. In diesen Opern kommt es auch aufs Atmosphärische an, darauf, einen klanglichen Hintergrund zu schaffen, vor dem sich die Sänger entfalten können. Da ist oft ein breiterer Pinselstrich förderlich, ja selbst eine gewisse Ungenauigkeit, die sich als Schleier über die Stimmen legt, nach Art der Aquarellmalerei die mannigfaltigen Details zum suggestiven Mischklang verwischt.

Mit Aura und Autorität steht Hanna Schwarz' Herodias im Mittelpunkt

So, wie Simon Rattle und seine Philharmoniker am Sonnabend Richard Strauss‘ „Salome“ angehen, hört man zwar auf beeindruckende Weise die Komplexität der Partitur. Jene dekadent-erotischen Untertöne aber, die das Publikum bei der Uraufführung 1905 schier benebelten, werden nicht erlebbar, die schweißtreibende Schwüle dieser Vollmondnacht im Palast des Herodes. Erneut bestätigt sich hier der Eindruck, den man bei der Arbeit an Wagners „Ring des Nibelungen“ in den vergangenen Jahren gewinnen konnte: Das Rauschhafte, das nicht auf den Kopf, sondern aufs Bauchgefühl Zielende, das überrumpelnd Sinnliche, das diese Opern eben auch brauchen, liegt Rattle nicht. Spannend wird es, wenn die von Burkhard Ulrich scharfzüngig-besserwisserisch angeführten jüdischen Schriftgelehrten ihren Auftritt haben: Da organisiert Rattle lustvoll-raffiniert das Chaos der Stimmen, da herrschen plötzlich Leben und Spaß im Orchester. Ganz bei sich sind die Philharmoniker im sinfonischen Zwischenspiel, Salomes Schleiertanz, der sich mit maximaler Eleganz entfaltet, bis hin zum derwischhaft-rasenden, technisch brillant gemeisterten Höhepunkt.

Sehr philharmonisch gedacht ist auch die Sängerbesetzung: Lauter edle Organe, durchweg vorbildliche Artikulation, aber zu wenig dramatische Dringlichkeit. Iain Patersons Jochanaan ist in seiner strömenden Bassbariton-Noblesse mehr Evangelist denn wütender Prophet, Stig Andersens Herodes von Anbeginn ein buffonesker Hanswurst, dem alles Berlusconihafte seiner Figur abgeht. So wird die Herodias der Hanna Schwarz zum Mittelpunkt der Aufführung: Wo sie steht, sind Aura und Autorität, ihre scharfen Einwürfe dulden keinen Widerspruch. Dieser Diva vom Format einer Cathérine Deneuve beim Schweigen zuzuschauen, ist aufregender als alles, was Emily Magee im strebenden Bemühen als Salome zustande bringt.

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