Kultur : Berliner Philharmoniker: Lebensmüde unter Wattewolken

Ulrich Amling

Es ist ein schmerzensreicher Weg, den Claudio Abbado und seine Berliner Philharmoniker im letzten Konzert vor ihrer nächste Woche beginnenden Amerika-Tournee (die nach einer Orchesterversammlung allen Bedenken zu Trotz nun doch in der geplanten Form stattfindet) beschreiten. Noch leicht verkatert vom gewaltigen Tosen der Schönbergschen "Gurrelieder" unter Simon Rattles fordernder Leitung treffen die Musiker auf einen Chef, der sich vom kritischen Dialog zwischen dem Orchester und Solisten spürbar zurückgezogen hat. Claudio Abbado versichert sich lediglich des Gefühls, dass die Fäden in seinen Händen liegen - daran ziehen aber will er nicht.

So scheiterte bereits das Eröffnungskonzert der diejährigen Berliner Festwochen, wo Dietrich Fischer-Dieskau und Peter Serkin deutlich neben dem Orchester agierten, der eine mit großer Geste, der andere mit stiller Größe. Disparat wirkt die philharmonische Welt, widersprüchlich sind ihre Signale, und unvereinbar scheinen die Blickrichtungen. Dass sich Abbado dafür stark macht, die Frühfassung der sechs Stücke für Orchester op. 6 von Anton Webern als die authentische anzuerkennen, mag man als Zeichen seiner von Brahms geprägten Sicht auf den Schönberg-Kreis werten. Hier ballt sich noch dramatisch, was in der späten Fassung kristallin funkelt, ist angreifbar, was danach in unantastbare Kunstfernen rückt. Daraus konnte Abbado im langsamen vierten Satz profitieren, der eine dunkel den Raum flutenden Trauerwucht entwickelte.

Ansonsten fehlte es an Klarheit im Stimmengeflecht und an Akkuratesse der Musiker, besonders bei den Einsätzen der Blechbläser, so dass das gegen Weberns Wunsch geführte Plädoyer wenig überzeugend ausfiel. Auf scharfe, dicht gedrängte Kontraste hin hatte Abbado fünf Lieder von Gustav Mahler ausgewählt, die von finsterer Ballade ("Revelge") zu beißender Ironie ("Lob des hohen Verstandes") kippen, um schließlich im sanften "Ich bin der Welt abhanden gekommen" zu verebben.

Pelzige Gemütlichkeit

Allein, dieser Parforceritt durch die Welt, wie Gustav Mahler sie sieht, kann nur gelingen, wenn die Bruchstellen klar heraus gespielt werden, sich keine pelzige Gemütlichkeit breit macht. Doch genau dort landen die Berliner Philharmoniker, und auch Thomas Quasthoffs an diesem Abend leider deutlich eingeengter Baritonton kann diese Wattewölkchen nicht vertreiben. Einig wurden sich Solist, Dirigent und Orchester erst im weichen legato eines "Ich bin gestorben im Getümmel".

Dass Vorspiel und Liebestod aus "Tristan und Isolde" danach wirklich lebensmüde klingen, mag angehen, solange diese Stimmung nicht auf wichtige Orchestergruppen wie Hörner und Posaunen übergreift. Doch der Gipfel der Mattigkeit wird erst mit der "Tannhäuser"-Ouvertüre erklommen, und vor dort aus erschließen sich völlig neue Perspektiven: Im Etablissement "Venusberg" geht man genau so stoisch seinen Verrichtungen nach wie im nicht ganz trittsicheren Pilgerchor. Doch, wo alles eins ist, kann es auch keine Erlösung geben. So bleibt von diesem Philharmoniker-Abend allein der Schmerz nach - das einzige Gefühl übrigens, an das der menschliche Körper keinerlei Gewöhnung zulässt.

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