Berliner Philharmoniker : Rosenbergs letzte Saison wird spannend

Was Pamela Rosenberg in ihrer letzten Saison als Intendantin der Berliner Philharmoniker vorhat.

Frederik Hanssen

Blickt man aus Pamela Rosenbergs Büro, schweift der Blick erst über Baumkronen und dann über die Hochhäuser am Potsdamer Platz. Von dort, hat die Intendantin beobachtet, strömt abends der Großteil der klassikbegeisterten Massen in die Philharmonie, von U- und S-Bahn, vom Parkhaus unter dem Sony-Center. Diese Besucher allerdings müssen durch den Hintereingang in Hans Scharouns berühmten Konzertsaal schlüpfen. Der repräsentative Eingang liegt, von der Innenstadt abgewandt, auf der Tiergartenseite. Und nur hier gibt es auch Orientierungstafeln, die die Lage der Kunst-Solitäre auf dem Kulturforum verdeutlichen. Diese aus West- Berliner Zeiten herrührende Situation empfand Rosenberg schon bei ihrem Amtsantritt vor drei Jahren als anachronistisch.

Rechtzeitig zum Eröffnungskonzert der Saison 2009/10 am 28. August soll den aus östlicher Richtung kommenden Besuchern darum nun ein freundlicherer Empfang bereitet werden: Der Architekt Paul Kahlfeld hat eine transparente Vorhalle entworfen, die das Gebäude öffnet. Statt der zwei schmalen, von einem Vordach überspannten Türen wird es ein frei schwebendes Stahlsegel geben, rundum raumhoch verglast, eine zusätzliche Eingangshalle, die auch dann offen sein wird, wenn in der Philharmonie kein Publikumsbetrieb herrscht. Das Geld für den neuen Eingang, ein sechsstelliger Betrag, kommt aus dem Etat des Orchesters.

An der Spitze der neuen Dachkonstruktion wird in großen Lettern der Schriftzug „Philharmonie“ prangen, das Pentagramm-Logo des Hauses soll oberhalb auf der Fassade erscheinen. Alle Elemente werden so angebracht, dass sie sich lichttechnisch inszenieren lassen. Lediglich die Infowand mit vier großen Monitoren, auf denen sich der Besucher über die Berliner Philharmoniker einst und jetzt informieren kann, wird bis zum Spielzeitstart noch nicht einsatzbereit sein.

Pamela Rosenberg ist sichtlich froh darüber, dass sie ihre lang gehegte Herzensangelegenheit der östlichen Entree-Erweiterung in dieser Sommerpause realisieren kann, parallel zu den Reparaturarbeiten, bei denen die Schäden des Dachbrandes vom vergangenen Jahr behoben werden. Und doch ist es ein Kompromiss, Flickwerk, der aktuellen Wirtschaftslage geschuldet. Denn eigentlich träumt die Philharmoniker-Intendantin von einem Neubau auf der Spitze des Grundstücks, dort, wo die Potsdamer Straße Richtung Mitte abknickt. Hier könnte ein Gebäude entstehen, in dem sich der Kassenbereich als auch der Shop der Philharmonie sowie ein Restaurant unterbringen ließen. Eine Etage darüber würden zusätzliche Übungsräume für die Musiker entstehen.

Es gibt nur ein Problem: Der vom Senat beschlossene Masterplan zur Neugestaltung des Kulturforums sieht vor, dass alle Umgestaltungen privatwirtschaftlich finanziert werden müssen. „Für ein zweistöckiges Gebäude aber finden Sie derzeit keinen Investor“, seufzt Rosenberg. Dabei hatte sie sich alles so schön ausgerechnet: Ein Drittel der Baukosten hätten Mäzene spendiert, die anderen beiden Drittel hätte des Orchester über einen Kredit aufgebracht und dann durch die zu erwartenden Zusatzeinnahmen aus Shop und Restaurant über 20 Jahre abgestottert.

So wird Pamela Rosenberg die Berliner Philharmoniker im kommenden Juni wohl verlassen, ohne etwas Bleibendes zu hinterlassen, ohne eine landmark gesetzt zu haben. Andererseits ist es ja nicht so, dass sie nichts erreicht hätte: Da sind die erfolgreichen Lunch-Konzerte, die sie eingeführt hat, da ist die politisch hochkorrekte „alla turca“-Konzertreihe, da ist Rosenbergs Engagement für die in Berlin schwer verkäuflichen Liederabende. In der Philharmonie gibt es dank ihrer Initiative ein neues Publikums-Leitsystem mit grün, respektive rot markierten Hinweisschildern. Hinzu kommt die Truppe der ehrenamtlichen Helfer, die im Saal präsent und für alle Fragen offen sind.

Ein ambitioniertes, wenngleich nahezu unsichtbares Rosenberg’sches Projekt schließlich ist die digitale Archivierung des gesamten, beeindruckenden Archivbestandes der Berliner Philharmoniker: Studenten sind seit einem Jahr dabei, alles einzuscannen, was die Geschichte des Orchesters ausmacht, von den Partituren bis zu den gesammelten Kritiken.

In Berlin will Pamela Rosenberg auf jeden Fall bleiben, wenn sie im Juni 2010 den Intendanzbüro-Schlüssel an ihren Nachfolger Martin Hoffmann übergeben hat. Von den Gipfeln der Hochkultur wird sie dann erst einmal hinabsteigen, um sich den Mühen der Ebene auszusetzen, der Kulturvermittlung für Kinder: als Vorsitzende des Trägervereins von Daniel Barenboims Berliner Musikkindergarten, als Vorstandsmitglied der nordrhein-westfälischen Grundschulkampagne „Jedem Kind ein Instrument“ sowie im Kuratorium einer Stiftung, die sich gemeinsam mit dem Opernhaus Gelsenkirchen darum bemüht, Kids aus sozialen Brennpunkten an die Zauberwelt des Musiktheaters heranzuführen.

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