Berliner Philharmoniker : Schillernde Künstlerseelen

Debussy, Varèse, Berlioz: Andris Nelsons dirigiert die Berliner Philharmoniker.

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Weltreisender. Andris Nelsons 2015 bei seinem Antrittskonzert als Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra.
Weltreisender. Andris Nelsons 2015 bei seinem Antrittskonzert als Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra.Foto: REUTERS

Die Tradition antiker Bukolik wird aufgerufen, wenn im „Prélude à l’après-midi d’un faune“ von Debussy die Soloflöte des Fauns einsetzt. Das Stück eröffnet ein französisches Programm, mit dem der lettische Klangzauberer Andris Nelsons zum Musikfest an das Pult der Berliner Philharmoniker zurückkehrt. Obwohl die Musik mit ihrer Bildhaftigkeit zur Assoziation einlädt, betont die seidenfeine Melodie des Flötisten Mathieu Dufour den anderen Aspekt der impressionistischen Partitur: dass nämlich der Faun mit seinem Spiel in der südlichen Sonne gemäß dem zugrunde liegenden symbolistischen Gedicht von Mallarmé die zeitlose Ebene der Kunst erreicht.

Der Faun als Künstlernatur: Das verbindet ihn mit dem einsamen Helden der „Symphonie fantastique“ von Hector Berlioz, der sich in der dunkleren Region der Romantik bewegt. Auch in diesem Werk ist es eine „Szene auf dem Lande“, die besonders bezaubert. In der abendlichen Naturidylle blasen zwei Schäfer im Dialog ein Hirtenlied: Dem Englischhorn Dominik Wollenwebers antwortet von fern die Oboe Albrecht Mayers, und beide stehen für die musikalische Wunderwelt des Spitzenorchesters. Darauf baut auch die Interpretation des Dirigenten. „Dass alles so schön klingt“, bemerkt zu Recht eine Besucherin beim Ausgang. Nelsons hegt die Klangsensationen Berlioz’ mehr, als dass er das unheimliche Programm, die Schrecken der Vision im Opiumrausch, das Zerrbild der Geliebten, den Hexensabbat thematisierte. Teuflisch exponiert sich indes darin die Es-Klarinette Walter Seyfarths. Nelsons schmiegt sich auf seine Weise wie ein Verliebter tanzend in die Musik, die er umfassen und kaum loslassen will. Es ist vor allem ein Plädoyer für die Instrumentationskunst Berlioz’.

Dazwischen „Arcana“ von Edgard Varèse, dem Xenakis-nahen Vorkämpfer der Moderne, der 1950 nach Darmstadt kam. Großes Orchester mit viel Schlagwerk triumphiert in seiner grellen Geräuschhaftigkeit, die Nelsons mit dem Orchester auf die Spitze treibt. Umso unmittelbarer leuchten die leisen Überraschungen der Musik. Imposant, wie der Abend die drei Komponisten als ein Trio von Pionieren zusammenführt.

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