Kultur : Berliner Philharmoniker: So schön, so groß, so todestraurig

Frederik Hanssen

Ist Robert Schumann überhaupt zu fassen? Dieser vielseitig begabte, literarisch versierte, poetisch hochsensible, kompositorisch so mutige Feingeist? Ein in die harte Welt des aufkeimenden Konzertbusiness Geworfener war er, gedemütigt vom Schwiegervater, angewiesen auf die Promotion seiner Werke durch die Pianisten-Gattin, dem Brotberuf des Musikers kaum gewachsen. So reich, so vielfach gebrochen wie seine Persönlichkeit ist auch seine Musik. Sagt man "romantisch", denkt man an ihn, an Sehnsucht nach Harmonie, auf die Verzweiflungsschatten fallen, an die ewig widerstreitenden Seelen in der Brust.

Wie unterschiedlich sich der Komponist, der Mensch Schumann begreifen lässt, zeigen Bernard Haitink und Lynn Harell beim Berliner Philharmonischen Orchester. Haitink erklärt die "Manfred"-Ouvertüre zur symphonischen Dichtung im perfekten Versmaß. Herrlich rauschen die Streicher auf, üppig prangt der Tutti-Sound; vom emotionalen Wetterleuchten in Byrons Drama, vom gezackten Relief der Partitur keine Spur. So schön, so leuchtend im altmeisterlichen Glanz kann Schumann auch klingen.

Diesen Ton verbittet sich Harell im Cellokonzert - ebenso wie jeden romantischen-subjektiven Gefühlsüberschwang. Was er hier macht, ist Kammermusik im wahrsten Wortsinn: Hauchzart streicht er die Saiten, ziseliert die Linien mit unendlicher Grazie, als säße er allein in seinem Zimmer, introvertiert, fast scheu den Noten nachlauschend. Die Musiker akzeptieren dies, tupfen ihre Einwürfe vorsichtig in den Hintergrund - eigentlich aber sind sie bei diesem subtilen Selbstgespräch völlig überflüssig.

Ihnen bleibt Brahms "Zweite" nach der Pause, von Haitink wiederum im goldenen Schnitt der Proportionen präsentiert: ein einziger überbordender, erhabener, streicherdominierter Klangrausch von makelloser Schönheit.

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