Berliner Philharmoniker : Sprung in den Neoklassizismus

Oh, Ödipus: Die Berliner Philharmoniker und John Eliot Gardiner kommen mit einem reinen Strawinsky-Abend in die Philharmonie.

von

Der Prolog des Balletts „Apollon musagète“ hat die Form einer französischen Ouvertüre, Händel lässt grüßen. Igor Strawinskys Sprung in den Klassizismus hat die Verehrer des wilden „Sacre“-Komponisten in den Zwanzigerjahren verstört. Sir John Eliot Gardiner widmet nun einen ganzen Abend mit den Berliner Philharmonikern zwei Werken dieser neoklassizistischen Epoche, und besonders wird fühlbar, wie das Genie auch in scheinbar fremder Sprache allein sich selbst ausdrückt.

Man knüpft an eine Tradition an, um etwas Neues zu machen, hat Strawinsky gesagt, und da er klassisches Ballett liebt, schreibt er ein ballet blanc über Apollon. Der junge Gott, der die Musen Kalliope, Polyhymnia und Terpsichore in ihrer Kunst unterweist, führt sie am Ende „Largo e tranquillo“ zum Parnass. Naheliegend, dass er Terpsichore, die Muse des Tanzes, privilegiert.

In der wunderbaren Balanchine-Choreografie dominiert das Bild leicht die Musik, deren Schönheiten Gardiner konzertant mit den philharmonischen Streichern ausbreitet. Als ein Pionier historischer Aufführungspraxis betont er das Alte wie das Neue in der Partitur, das 20. Jahrhundert vor allem in Temponuancierung und Dynamik bis in das feine Violinsolo von Andreas Buschatz.

Eine wuchtige Aufführung

Die Blasinstrumente gewinnen Gewicht in dem Opern-Oratorium „Oedipus rex“. Psalmodierende Männerstimmen des Rundfunkchores kontrastieren grandios mit den Vokalsolisten. Das Libretto von Cocteau nach Sophokles, übersetzt ins Lateinische, komprimiert das Drama des Ödipus, der den Vater tötet und die Mutter heiratet, ohne sich der Schlingen höherer Mächte bewusst zu sein, die ihn umgarnen. Es gelingt in angedeuteter Maskierung eine wuchtige Aufführung mit bezwingenden Gesangssoli, die den kantablen Verdi-Ton nicht leugnen: voran der souveräne Mezzo Jennifer Johnstons (Iokaste), der eher lyrische Tenor des Andrew Staples in der Titelrolle, Basstöne von Ashley Riches (Kreon).

Als Erzähler, der sich an das „verehrte Publikum“ wendet, steht Bruno Ganz im Hintergrund von Orchester und Chor. Was seiner Stimme nicht gelingt, ist die von den Autoren wohl vorgesehene Teilnahmslosigkeit. Das macht ihn zum Publikumsliebling. „Leb wohl, armer Ödipus. Wir haben dich geliebt.“

1 Kommentar

Neuester Kommentar