Berliner Philharmoniker und Simon Rattle : Wenn die Kadenzen splittern

Schmerzhaft schön: Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker spielen Elgar, Dvorák und Beethoven.

von und Christiane Tewinkel
Simon Rattle, Chef-Dirigent der Philharmoniker.
Simon Rattle, Chef-Dirigent der Philharmoniker.Foto: Henry Lin/dpa

Einmal mehr zeigen sich an diesem Abend die Talente der Philharmoniker. Sie können sehr wohlklingende Musik in Auftrag geben, diesmal bei dem 1967 geborenen Julian Anderson, dessen „Incantesimi“ (Zaubersprüche) in den Saal gestellt werden wie ein freundlicher monolithischer Block, mit einem klaren Puls unterlegt und in einer transparenten Lautstärkekurve verlaufend.

Sie können außerdem auf fast schmerzliche Weise schön spielen, in Elgars „Introduction and Allegro“ für Streichquartett und Streichorchester, mit nahtlos aneinandergesetzten Melodiezügen und einem hohen inneren Tonus, den nur das sanfte Lied-Solo des Quartett- Bratschisten Máté Szücs durchbricht. Drittens kann das Orchester, eine wirklich große Kunst, so tun, als begeisterte es sich für Beethovens viertes Klavierkonzert. Gemeinsam mit Krystian Zimerman am Klavier (der die Kadenzpassagen splittern und stilistisch auseinanderfallen lässt) braucht es eine Weile, um die Affektbrüche nicht wirr, die tönenden Fußstampfer nicht wie aus zweiter Hand und die grundsätzlich rätselhaften Strukturen nicht ratlos zu spielen, sondern stattdessen einen geschlossenen Eindruck herzustellen.

Vom Zauber orchestraler Gewaltenteilung

Am Ende des Andante, als das Klavier leise ins Orchester zurückdämmert, scheint geradezu Dankbarkeit dafür aufzukommen, dass das wunderbar verhuscht anhebende Rondo einen so guten, musikantischen Abschluss für dieses Stück darstellt. Am meisten jedoch beeindruckt, wie Rattle in Dvoráks „Slawischen Tänzen“ auf sein Orchester zugreift, es ärgert oder kommen lässt, sich selbst unsichtbar macht, mit einer einzigen Hand- oder Fingerbewegung wieder zugreift und manipuliert. Der ganze Zauber orchestraler Gewaltenteilung spiegelt sich in diesem Vorgang: Die einen spielen (und denken wohl, sie bestimmen), der andere lässt sie spielen (und denkt tatsächlich, er bestimme). Schöner werden auch an der Hofreitschule in Wien die Kapriolen nicht gesprungen.

2 Kommentare

Neuester Kommentar