Berliner Poesiefestival : An den Ufern des Sambesi

Alte Kämpfer, junge Rapper: Das Berliner Poesiefestival präsentiert Dichter aus dem Süden Afrikas.

Ulrike Baureithel
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Rap-Lyriker. Kgafela oa Magogodi in der Akademie der Künste. Foto: gezett.de

Lyrik ist oft ein hartes Brot. Das wissen nicht nur Schüler, die sich an ihr die Zähne ausbeißen, sondern auch Verleger. Der Afrika-Tag des von der Berliner Literaturwerkstatt ausgerichteten Poesiefestivals, der in diesem Jahr die englischsprachigen Länder im Süden des Kontinents vorstellte, erinnerte am Sonntag aber daran, dass das, was viele heute als hermetisch empfinden, eine ganz körperbezogene Kunst ist und ursprünglich den Riten und Rhythmen der Arbeit und des Krieges entsprang.

Von einer jungen Performer-Generation aufgenommen, ist das gestische Wort in die Popkultur eingewandert und hat einen lyrischen Strom freigesetzt, der, wie die für den Schwerpunkt Verantwortliche Afrika-Expertin Flora Veit-Wild bemerkte, gar nicht verstanden werden muss, um zu wirken. Kgafela oa Magogodi jedenfalls hätte mit seiner Rap-Lyrik, in der immer wieder das Wort „Holocaust“ aufschien, auch die sprachresistentesten Geister vom Stuhl reißen können. Zumindest das jüngere Publikum in der Akademie am Hanseatenweg lag ihm zu Füßen.

Johannesburg gilt als Melting Pot der südafrikanischen Lyrikszene, dort verschmelzen kosmopolitische Einflüsse mit traditionellen Kulturbeständen. Virtuos führt Phillippa Yaa de Villiers vor, „wie man in der Stadt überwintert“. Während ihr 70-jähriger Dichterkollege Keorapetse Kgositsil („Willi“), ANC-Aktivist der ersten Stunde, noch ein Bindeglied zum alten Südafrika ist und seine Stimme der Erinnerung an den Kampf gegen das Apartheidregime und seine Opfer leiht, haben sich die jüngeren Stadtpoeten frei gemacht von der verpflichtenden Verbeugung vor der heroischen Vergangenheit. Frech lädt de Villiers etwa den ehemaligen Präsidenten zum Tee („Tea for Thabo“), um ihm seine kriminelle Aids- Politik vorzuhalten: „Du bist der Vater einer gesunden Bordellnation.“

Der Kampf gegen das Kolonialsystem ist der Kritik an der postkolonialen Wirklichkeit gewichen, das wurde mehr noch als im Südafrika-Teil auf der Reise entlang dem in den Indischen Ozean mündenden Sambesi deutlich, die fünf Künstler aus drei Ländern poetisch begleiteten. Der aus Malawi stammende Jack Mapanje, der während der Alleinherrschaft Hastings Kamuzu Bandas vier Jahre ohne Gerichtsverfahren im Gefängnis saß, erinnert in seinem eindringlichen Gedicht „Das Ungeheuer von Nalunga“ implizit zwar noch an die Zeit unter dem selbstherrlichen Diktator, doch warnt er auch vor den „neuen Maskentänzern“, die rasch in die Arena springen und inzwischen nur „in enger anliegenden Häuten tanzen“.

Die Auseinandersetzung mit den nachkolonialen Machthabern wird insbesondere von den Jüngeren geführt. Der 1972 in Windhoek geborene Keaogetsi Joseph Molapong etwa rechnet mit den Schwarzen ab, „die jeden Tag an uns vorbeigehen, himmelhochnäsig und die Arme eng am Körper“. Sie „planen und steuern die Massen“, haben nur Gewinn im Sinn und sind doch unfähig: „Politische Puppenspieler, pokernde Priester, Polizisten, Pappnasen“, die Freiheit und Menschenrechte fürchten.

Der Mitbegründer der „Kitso Poets“, einer Gruppe, die Performance-Poesie unterrichtet und auf diese Weise den Analphabetismus bekämpfen will, unterscheidet rigoros zwischen den einstigen „Feiglingen im Exil“ und uns, „die wir im Land geblieben sind“ und „das Land von innen bekämpften“.

Der Riss geht mitten durch Namibia, und die Wasserscheide ist die Armut, „kein Privileg“ und „keine Berufung“, sondern „für uns geschaffen /an der unsere Kameraden uns in Scham und Nichtwissen halten /Platinpolitik für ihre fröhliche Rente“. Von Molapongs selbstironischem Vortrag setzte sich das junge Multitalent Gankhanani Moffat Moyo ab, der, unterstützt von Abdurrahman Diop an den Drums und Djelifili Sako an der traditionellen Kora, tanzend „die alte sieche Mutter Sambia“ ehrte. Aus seinen Gedichten sprach der Stolz auf das junge Afrika, Sambias „schöne Kinder“, die „wir gekommen /um euch alle zu erwecken ... bis zur Herrschaft des neuen Erwachens“. Im „Afrikanischen Gelächter“ Moyos lebt etwas fort, das antikoloniale Befreiungskämpfer wie Jackson Kaujeua vor langer Zeit angestimmt und in ihre Exilländer getragen hatten, um dort für Unterstützung zu werben.

18 Jahre verbrachte der namibische Liedermacher im Exil, in unzähligen Konzerten erzählte er in den Sprachen seines Landes vom Kampf auf dem afrikanischen Kontinent. Der Sound hat nur wenig zu tun mit dem der jungen Rapper aus Südafrika, und die Bewegungen sind elegischer. Aber gelegentlich blitzt ein Motiv auf, an dem man die Wurzeln erkennt und das gemeinsame Anliegen in dem von ihm besungenen „Labor der Poesie“.

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