Kultur : Berliner Poesiefestival präsentiert begabte Satirikerin

Mythos und Form: Am Sonnabend liest die Russin Olga Sedakova beim Poesiefestival Berlin

Volker Sielaff

In der österreichischen Literaturzeitschrift „Wespennest“ versuchte sie einmal zu beantworten, was Poesie mit Anthropologie zu tun habe. Kann Lyrik helfen, etwas über uns zu erfahren? Die russische Dichterin Olga Sedakova, die jahrelang nur in Untergrundzeitschriften veröffentlichen konnte, kommt dabei auch auf einen Dissidenten aus den siebziger Jahren zu sprechen, den die täglichen Verhöre und Schikanen beinahe dazu brachten, „alles zu unterschreiben“.

Im schlimmsten Moment aber, so Sedakova, sei ihm „Theta und Iota der griechischen Flöte“, ein Gedicht von Ossip Mandelstam eingefallen, das er auswendig wusste: „Ich dachte – genau das ist es. Hier ist eine ganze Welt, alles, und ich befinde mich in Kommunion mit ihr. Nach diesem Erlebnis war ich überzeugt, dass ich jetzt nichts mehr unterschreiben werde. Es war einfach nicht mehr möglich“, so der Dissident im Rückblick. Ein beinahe mystischer Moment, der mit politisch-moralischer Erweckung im engeren Sinne nichts zu tun hat. Dazu gibt Mandelstams in Symbolen von Sprache und Musik sprechendes Gedicht auch keinen Anlass.

Olga Sedakova, 1949 in Moskau geboren, wo sie auch studierte und 1982 über slawische heidnische Mythologie promovierte, schließt daraus, es müsse das Erlebnis der Form gewesen sein, das es dem Dissidenten unmöglich gemacht habe, weiter zu kooperieren. Denn Dichtung beschreibe oder erzähle ja nichts, sondern bringe die Form „unmittelbar zum Erscheinen“.

Mythische und religiöse Motive finden sich bei ihr häufig, so in ihrem 1986 noch in der russischen Exilpresse in Paris erschienenen Band „Wratka, okna, arki“, dem 1990 ein eigenes Buch in der Noch-Sowjetunion folgte. Das Veröffentlichungsverbot in den Jahren 1967 bis 1991 habe sie nicht als Tragödie erlebt, sagt sie heute, sie habe ja immer ihre Leser gehabt, „Leute, die, ohne jemand zu nahetreten zu wollen, Mandelstam lasen und nicht Jewtuschenko.“

Im Wiener Folio Verlag sind unter dem Titel „Reise nach Brjansk“ zwei ihrer Erzählungen auf Deutsch erschienen, die sie als begabte Satirikerin zeigen – einmal im Blick auf sowjetische, einmal im Blick auf postsowjetische Zustände. Ein eigener Lyrikband lässt hierzulande auf sich warten. Walter Thümlers Übersetzungen sind leider nur in Zeitschriften und Anthologien zu finden, etwa in dem von Joachim Sartorius herausgegebenen „Atlas der neuen Poesie“.

Viele ihrer Gedichte hat die bekennende orthodoxe Christin Olga Sedakova in einem Holzhaus in Azarowka, zwei Stunden südlich von Moskau, geschrieben, in das sie sich zum Arbeiten gern zurückzieht. Seit dem Zerfall der Sowjetunion ist sie lesend, vortragend und unterrichtend aber auch viel auf Reisen, ein gern gesehener Gast an Universitäten und bei westeuropäischen Festivals. Ihren prominentesten Bewunderer fand sie allerdings in dem selbst Gedichte schreibenden Papst Johannes Paul II., der sie ingesamt vier Mal empfing und ihre Gedichte im russischen Original las.

Nichts anderes als die Form führt für Sedakova ins „Zentrum der Welt“, denn um „Einverleibung“, um Zugehörigkeit geht es ihr. Ein kathartisches Moment durchzieht die meisten ihrer Gedichte, aber nicht im Sinne von Handlungsanweisungen, die Dichtung ohnehin nicht geben kann, sondern von der Sprache selbst ausgehend.

Was Olga Sedakova anstrebt, ist eine „intime Verbindung mit der Form“: ihr Wirken, das im besten Falle auch den Leser ihrer Gedichte verwandelt zurücklässt. „Ein Dichter will, was jeder wollen will“, beginnt eines ihrer Gedichte, das am Ende vom „Nichts“ zum „Laut“ hinführt. Das Nichts ist hier nicht still und leer, sondern eines, auf dessen „Speeresspitze alles zirpt. // Und wenn mit flüchtigem Blick dorthin man schaut, / ist, wie die Träne, Zufall selbst der Laut.“

Am Sonnabend, 27. Juni, liest Olga Sedakova zusammen mit Rita Dove (USA), Julián Herbert (Mexiko), Kgafela oa Magogodi (Südafrika), Bernard Noel (Frankreich), Maja Ratkje (Norwegen), Adam Wiedemann (Polen), Barbara Köhler und Adolf Endler um 20 Uhr bei „Weltklang – Nacht der Poesie“ in der Akademie der Künste am Hanseatenweg. Im Eintrittspreis von 8/5 € ist eine Anthologie mit allen Texten enthalten. Am 29. Juni, 18.30 Uhr führt Sedakova mit Anja Utler in der Akademie ein „Poesiegespräch“.

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