Berliner Popmusik 2008 : Bin kaputt, is’n schönes Leben

"So wunderbar, Berlin!", tönte es aus dem Radio. Jetzt ist der Zauber hin. Über das Popjahr 2008 in der Hauptstadt.

Kai Müller
Peter Fox
Peter Fox. Mit urbaner Kaltschnäuzigkeit einer der wenigen Berliner Pop-Höhepunkte. -Foto: Warner Music / Eric Weiss und Felix Broede

Man könnte es natürlich mit schlechter Laune erklären. Mit Unkenntnis, mangelndem Kontakt zu den einschlägigen Szenen. An Starrsinn könnte es liegen oder einfach daran, dass es stimmt - das letzte Jahr war für einen Berliner Popfan: mies! Da war gar nichts, was einen hätte zutiefst berühren, fortreißen und inwendig neu auskleiden können. Wo wäre Neid angebracht gewesen auf die Vitalität jener Leute, die die richtige Musik hören und - wie man so schön sagt - ihr Ding machen? Was ist los mit der Stadt, die sich gern zur "Pophauptstadt" deklariert und immerfort Musiker und Künstler anzieht? Bis auf Pose nichts in der Hose.

"Komm aus dem Club, war schön gewesen", besingt Pierre Baigorry die Tristesse des neuen Nachtschwärmertums, "stinke nach Suff, bin kaputt, is'n schönes Leben/ steig über Schnapsleichen, die auf meinem Weg verwesen/ ich seh die Ratten sich satt fressen/ im Schatten der Dönerläden." Der Seeed-Sänger ist ein Bringer. Manche behaupten, der einzige Popstar von der Spree, für den man sich nicht schämen muss. Mit schöner Regelmäßigkeit schreibt er seiner Heimat eine Hymne auf den Leib. "Dickes B.", ein Klassiker, den jedes Kind auf der Straße trällern kann; besser als mit "Aufstehn" kann man nicht in den Berliner Coffee-Shop- und Mietskasernenalltag kommen. Und nun ist ihm mit "Schwarz zu blau" wieder ein leichthändiger Pophit gelungen über einen entnervten Typen, der morgens nach Hause stapft. Die Party ist aus, der Schädel brummt, ihn fröstelt angesichts der Kaputtheit dieser Stadt, die nicht mal eine anständige Skyline hat. "Du kannst so hässlich sein, so dreckig und grau,/ Du kannst so schrecklich sein", lautet Baigorrys Credo. Damit spricht er allen Stadtneurotikern aus der Seele, die im Hart -Aber-Herzlich-Getue der Berliner nur das sehen, was es ist: unkultivierter Egoismus.

Baigorry nennt sich Peter Fox. Mit "Stadtaffe" erschien im September das erste Soloalbum des rothaarigen Seeed-Masterminds, umgehend geadelt von Kanye West, der sagte: "This shit is dope." Im Licht dieser CD sieht das, was Berlin derzeit sonst an Musik hervorbringt, erst recht erbärmlich aus. Denn Fox hat ein nervös-flirrendes Meisterwerk geschaffen. Lässig in seiner urbanen Kaltschnäuzigkeit. Tiefgründig in der Ambivalenz, mit der von Liebe und Enttäuschung geredet wird. Und selbst da nicht peinlich, wo sich Baigorry/Fox einer Machismo- Version des "Shake It, Baby"-Themas hingibt ("Schüttel Deinen Speck").

Es reicht nicht, auf ältere Existenzrecht zu pochen

Orientalische Klänge werden ebenso souverän in bretthart synkopierte Beats integriert wie Balkanbläser und die Streicher des Filmorchesters Babelsberg. Hier kommt zusammen, was sich in unterschiedlichen kulturellen Nischen austobt. Da ist er dann, der Überblick, der Stadtsound, der zwar nur eine Illusion dessen ist, was Berlin sein könnte, aber auch seine eigene wahrhaftige Schwerkraft erzeugt.

Dagegen fallen Bandprojekte wie Bonaparte, das im vergangenen Jahr sein CD-Debüt ("Too Much") gab, zwangsläufig ab. Obwohl die selbst ernannte "Hedonist Army" mit ihrem wacker-dilettantischen Elektro-Rock, ihrer fantasievollen Kostümierung als Zirkustruppe samt Hasen-Outfit und mit stumpfen Quadrat- Beats sich im Traditionsstrom Berliner Travestien tummelt, ist ihr Ansatz doch beschämend provinziell. Wir können zwar nichts, außer "Anti Anti" brüllen, so ihr Motto, aber das tun wir laut. So hat sich die Avantgarde hier von jeher gebärdet und für die eigentümliche Trash-Kultur gesorgt, die man für besonders berlinisch halten kann. Trash ist dabei nur ein Trick, durch den kultureller Abfall in die Gefilde der Hochkultur zurücktransportiert wird, ohne dass es Zugangsbedingungen bräuchte. Bonaparte macht zu einer der besseren Neuentdeckungen, dass sie zeigen, auf welchen gemeinsamen Nenner Künstler hier kommen, die allesamt zugereist und vor hohen Mieten andernorts geflohen sind.

Jeder darf dabei sein. Privilegien gibt es nicht - nur in finstersten Genreecken, wo aber sowieso nur die Verwalter erstarrter Stile um Terrain kämpfen. Am dümmsten wirkt, wer sich einen Vorteil dadurch verschaffen wollte, etwas besser zu können als andere. Um "Big in Berlin" zu sein, wie ein alter Sterne-Song heißt, reicht es nicht, auf ältere Existenzrechte zu pochen.

Sido - da nimmt sich einer selbst nicht ernst

So hallt die Berliner Misere zurzeit in einem Song nach, der gar nicht von Berlin handelt. "Wie sieht's aus in Hamburg"?, fragt der Wahlberliner Thees Uhlmann auf der aktuellen Tomte-Platte "Heureka". Es ist ein wehmütiger Gruß an die Hansestadt, in der Uhlmann lange gelebt hat, so lange, dass er vom "intensiven Wetter" und vom Kriegslärm in den Bars schwärmt. Es wird vorausgesetzt, dass es dort einfach nicht mehr gut sein kann. Und der einzige Grund für Uhlmann scheint der zu sein, dass ja alle anderen auch nicht mehr in Hamburg sind. Sondern in Berlin. Da muss man natürlich hinterher und es ganz klasse finden.

Die meisten Berlin-Songs der letzten Zeit arbeiten sich daran ab, dass es nicht mehr gleichgültig ist, von wo man die Welt aus betrachtet. Mit Fran Healy von Travis, Joe Jackson, Mark Stewart (ehemals The Pop Group) mischen sich auch immer mehr internationale Stars unter die Leute und geben dem allgemeinen Sog neue Kraft. Doch wächst aus den Untergründen nur selten jene luzide Mischung aus Popattitüde und brachialer Energie, die gleichzeitig neu und massenwirksam ist.

Das Elend illustriert Sidos drittes Album. Statt Hip-Hop als Erzählung vom sozialen Abseits weiter zu definieren, arbeitet sich "Ich und meine Maske" an einem pubertären, längst überwunden geglaubten Verstellungskomplex des Rappers ab, der sich hinter einer Totenkopfmaske zu verschanzen pflegt. Da nimmt sich einer noch immer selbst nicht ernst. Kostümierung ist nicht das Richtige für Sido, der ja schonungslos sein will. So hat sich der Aggro-Rap auf dem Gipfel seines kommerziellen Erfolges als Korrektiv erledigt.

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