Berliner Prostituierte : "Ich bin an Sachen ganz abgerissen"

Berliner Prostituierte erzählen aus ihrem Leben: ein Buch mit historischen Gesprächsprotokollen. Die instruktive, anschaulich illustrierte Einleitung zu den Biogrammen nimmt den Leser mit auf eine einschlägige Spurensuche in das Berlin jener Jahre.

Johannes Groschupf

„Ich ging sonntags immer aus und lernte in der Hasenheide einen Töpfergesellen kennen, tanzte mit demselben, trank viel Bier und beim Nachhausegehen in der Hasenheide verführte er mich.“ Hundert Berliner Prostituierte stehen dem Gefängnispfarrer Alfred Ragotzky Rede und Antwort , als er sie 1869 im alten Stadtgefängnis über ihre Lebenswege befragt. Aus welchen Verhältnissen kommen sie? Wie gerieten sie in die Prostitution? Was hoffen sie für ihre Zukunft?

Ihre Geschichten, nachzulesen in dem Band „Zwischen Tanzboden und Bordell. Lebensbilder Berliner Prostituierter aus dem Jahr 1869“, ähneln einander. Oft sind die Eltern früh gestorben oder ihre Familien zerrüttet: „Vater trank, Mutter zeitweise wahnsinnig.“ Andere wollten der elterlichen Strenge entkommen: „Ging immer zum Tanz, Mutter schlug mich und ich lief fort, zog in Schlafstelle und bin von dort mit anderen Mädchen gegangen.“ Zunächst finden sie Anstellung als Dienstmädchen, Fabrikarbeiterin oder Schankmamsell. Der Schritt in die „gewerbsmäßige Unzucht“ geschieht meist aus Geldnot: „Ich konnte die Miethe nicht bezahlen und gab mich von dieser Zeit jedem für Geld preis.“ Andere geben unumwunden zu: „Der Prostitution gehe ich nur aus Leichtsinn nach. Putzsucht, Eitelkeit und Vergnügungssucht ließen mir das Leben schön erscheinen.“

Doch die Einkünfte sind kärglich. Eine einzige der befragten Frauen erzählt von einträglichen Verhältnissen mit einem Baron, einem Weinhändler und einem Bankier. Die Rückkehr ins „ordentliche Leben“ ist schwierig. Selbst wenn sie eine neue Arbeit fanden, wurde der Arbeitgeber polizeilich informiert, dass die Frauen noch der Sittenkontrolle unterlagen und sich während der normalen Arbeitszeiten zu Untersuchungsterminen melden mussten. Für die Zukunft haben die meisten daher wenig Hoffnungen: „Ich bin an Sachen ganz abgerissen und weiß nicht, was ich machen soll. Nach Hause darf ich nicht kommen, Papiere hab’ ich verloren, ausgewiesen bin ich auch.“

Die instruktive, anschaulich illustrierte Einleitung zu den Gesprächsprotokollen und Biogrammen nimmt den Leser mit auf eine einschlägige Spurensuche in das Berlin jener Jahre. Die Historikerin Bettina Hitzer, die 2006 mit ihrem Buch „Im Netz der Liebe“ eine lebendige Schilderung der Zuwanderung in die entstehende Metropole vorgelegt hat, führt zu den Vergnügungsorten, den Tanzlokalen und Konditoreien, in deren Separées die Frauen ihrem Gewerbe nachgingen. Sie erzählt von den Praktiken des Ankoberns auf der Straße, von den Kupplerinnen und Freiern, von der ständigen Bedrohung durch Syphilis und Sittenpolizei.

Die Prostitution galt damals nicht als gesellschaftliches Randproblem. Arbeiterbewegung, Mediziner, Frauenbewegung und die Kirchen diskutierten mit Leidenschaft über eine gesetzliche Neuregelung. Mitherausgeber Michael Häusler stellt eine entsprechende Petition der christlichbürgerlichen Sittlichkeitsbewegung vor, die ein facettenreiches Bild der „öffentlichen Liederlichkeit“ zeichnet. Dazu gehörte damals bereits das Tanzen in den Polkakneipen und Tanzböden in Moabit, Köpenick und Rixdorf. „Hier wird der Tanz bis zum Wahnsinn wild getrieben, und in dem engsten Raume, bei einer ohrzerreißenden Musik, in einem pestilenzialischen Gestanke, unter betrunkenen Mannspersonen, wirbelt man beinahe ohne Aufhören umher.“ Dieser Schilderung könnten sich auch heutige Eltern anschließen, die unversehens auf eine Party ihrer Kinder geraten.

Lüsterne Leser kommen bei diesem Buch übrigens nicht auf ihre Kosten. Sie mögen sich an Heinrich Zilles „Hurengespräche“ von 1913 halten. Wir züchtigen Berlin-Liebhaber jedoch erhalten einzigartige Einblicke in die Lebensumstände junger Unterschichtfrauen und in die Sittengeschichte der entstehenden Großstadt.

Michael Häusler/ Bettina Hitzer (Hrsg.): Zwischen Tanzboden und Bordell. Lebensbilder Berliner Prostituierter aus dem Jahr 1869. Verlag be.bra wissenschaft, 192 S., 24,95 Euro. Am Dienstag, den 29. März, stellt Hitzer das Buch in der Berliner Urania vor (17.30 Uhr).

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