Kultur : Berliner Salon: Altes Gemäuer, neue Nutzung

Tom Heithoff

Diese Frage hatte wohl keiner erwartet. "Welcher neue Raum lässt eigentlich noch eine alte Nutzung zu? In welchem modernen Bau kann man noch Walzer tanzen?", fragte Matthias Eberle, Kunsthistoriker an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee (KHB). Niemand nahm den Faden auf.

Man muss den gut 30 geladenen Gästen in der Villa der Weberbank zugute halten, dass sie sich auf die entgegengesetzte Frage vorzubereiten hatten. "Neue Nutzung von alten Räumen", so nämlich lautete das Thema des ersten Salons der Mart Stam Gesellschaft, des Fördervereins der Kunsthochschule Weißensee. Die 1914 erbaute Villa der gastgebenden Weberbank gab auch gleich ein beeindruckendes Beispiel für Nutzungswandel. Wurden hier früher Geldscheine ausgetauscht, so waren es jetzt Gedanken.

Neue Nutzung ist nur möglich, wenn noch etwas Altes vorhanden ist. Darf es überhaupt bleiben? Und wenn ja, was machen wir aus dem (beschädigten) Alten? Hier schwillt dem stellvertretenden Direktor des Bauhauses Dessau, Walter Prigge, die Zornesader. "Wir haben viel zuviel Geschichte", konstatierte er. Wir besäßen keine Kriterien, um zu beurteilen, "welche Geschichte wertvoll ist und welche nicht". Und das führe dazu, "dass im Namen der Geschichte Geschichte, dass durch Denkmalpflege Denkmäler zerstört werden". Zuviel Geschichte? Der Architekt Hardt-Waltherr Hämer sieht das ganz anders. "Wir verlernen das Lernen aus der Geschichte." Daraus folge ein "miserabler Umgang mit dem Ererbten".

An dieser Stelle meldete sich der Archäologe Stefan Altekamp "aus meiner erdnahen Perspektive" zu Wort und plädierte für mehr Gelassenheit. Er als Schichtenforscher in Raum und Zeit sehe eine "natürliche Zwangsläufigkeit des materiellen Überschreibungsprozesses". Auch Peter von Becker, Feuilletonchef dieser Zeitung, warnte vor "Dämonisierung". Nicht nur gebe es viele Beispiele für geglückte Restaurierung und intelligente Rekonstruktionen in ostdeutschen Städten. Man müsse in der Diskussion über (un)menschliches Bauen auch berücksichtigen, dass "Bauten sich im Bau verändern und dann nochmals in der Belebung".

Wer über den Umgang mit altem Gemäuer spricht, kann Einigkeit nicht erwarten. Zum Beispiel "Mietskasernen": In den fünfziger und sechziger Jahren wurden sie abgerissen, um den Mief und die Dunkelheit durch die luftige Helligkeit von Neubauten zu ersetzen. "Heute hingegen fallen die negativen Konnotationen weg, weil wir die alten Räume nur als Hülle nutzen", wie Tagesspiegel-Redakteur Bernhard Schulz anmerkte: "Keiner will unter den Bedingungen leben, die die alten Räume repräsentieren." Das wurde auch anhand einer Dokumentation deutlich, die eine Studentengruppe der KHB vorstellte. Drei Wochen lang diente das heruntergekommene Barockschloss in Otterwisch als Atelier, aber auch als offener Raum, und konnte durch diese Doppelfunktion "Öffentlichkeit herstellen", wie Steffen Schuhmann sagte. Man habe das alte Gemäuer durch Arbeit belebt, aber längeres Wohnen wäre dort, ohne Heizung, nicht möglich gewesen.

Als die Diskussion auf die "Verbrechen" - so Moderatorin Gertrud Höhler - mancher Neubauten überzuschwappen drohte, ging ein Ruck durch die Runde. Nele Hertling, Intendantin des Hebbel-Theaters, brachte den psychologischen Aspekt ins Spiel. Warum eigentlich dieses Bedürfnis nach dem Alten? Warum wollen so viel junge Künstler in ihr altes Theater? Warum wohnen alle ihr bekannten Neubau-Architekten in Altbauten? Woher diese tiefe Faszination? Offenbar gibt uns der Altbau "emotionale Sicherheit". Der Neurowissenschaftler Bernhard Sabel nahm diesen Gedanken auf und lenkte die Aufmerksamkeit auf den inneren, den alles entscheidenden Raum: den Raum im Kopf. Das Alte werde als das Ästhetische wahrgenommen, weil es den "Goldstandards der Ästhetik" näher komme. Das Gefühl für perfekte Harmonie der Perspektiven und Proportionen sei eine "hirnphysiologische Konstante". Das Gefühl lechzt also nach dem Alten. Der Kopf aber will beweisen, wie modern und kreativ er ist. Dieser Widerspruch zwischen Herz und Kopf zeige sich hervorragend am Beispiel des im Altbau lebenden Neubau-Architekten, aber er wirkt in jedem von uns: "Auflösen lässt er sich nicht."

Voraussichtlich im Herbst wird ein neuerlicher Gesprächsabend stattfinden, mit strenger Diskussion, heiterer Plauderei und erlesenem Buffet - ganz im Stile der alten Salons. Das Thema des zweiten "Collegium Artium" steht noch nicht fest, aber es wird sich wieder zwischen Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft bewegen.

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