Kultur : Berliner Schadowhaus: Ein Foyer für die Künste

Helmut Caspar

Lange war unklar, was aus dem Schadowhaus in der Schadowstraße werden sollte - ein paar Steinwürfe von der wohl populärsten Schöpfung des Bildhauers, dem Brandenburger Tor, entfernt. Die Bundesvermögensverwaltung hielt ihre Hand auf der berühmten Immobilie mit der klassizistischen Straßenfront, deren Restaurierung nicht vorankam. Jetzt erging frohe Kunde an die Schadow Gesellschaft, die sich intensiv um das Künstlerhaus aus dem frühen 19. Jahrhundert kümmert. Bundestagspräsident Thierse signalisierte dem Verein das Interesse der Volksvertretung, das Bauwerk "entsprechend seiner herausgehobenen historischen Bedeutung" zu nutzen. Das Geld für die umfangreiche Sanierung werde in den Haushalt 2002 aufgenommen.

Nun ist die Schadow Gesellschaft am Zuge. Nach den Worten ihres Vorsitzenden Andor Koritz wünscht sie sich eine kulturelle Nutzung, eine Begegnungsstätte von Künstlern und Kunstinteressierten. Schließlich sei das Haus schon zu Schadows Lebzeiten ein Ort kultureller Geselligkeit gewesen. Zudem soll in dem weitläufigen Gebäude, das dem Bildhauer Johann Gottfried Schadow von 1803 bis zu seinem Tod 1850 als Wohn- und Atelierhaus gedient hat, das Erbe des Künstlers etwa durch Ausstellungen hochgehalten werden.

Im Moment zeigt sich das Haus allerdings in einem trostlosen Zustand. Von der Fassade blättert die Farbe ab, Risse ziehen sich über die Mauern, im Hof türmt sich Unrat. Eine Gedenktafel an der Straßenfront weist auf den durch seinen bärbeißigen Humor berühmten Künstler hin, der als "Directeur aller Skulpturen" und Chef der Berliner Akademie der Künste im preußischen Kunstbetrieb eine bedeutende Rolle spielte.

Schadows Wohnräume sind noch erhalten, wenn auch das Inventar fehlt. Es ist überliefert, dass gekrönte Häupter und berühmte Reisende gelegentlich bei dem Bildhauer vorbeischauten und sich porträtieren ließen. Kurz nach dem Einzug in sein neues Haus verfiel der Künstler in Depressionen, als die französischen Besatzer ihn zwangen, seine in Kupfer getriebene Quadriga für den Abtransport nach Paris vorzubereiten. Um so glücklicher war er, als die Wagenlenkerin 1814 im Triumphzug zurückkehrte und auf das Tor gehievt wurde.

Aus einem Ort wie dem Schadowhaus ließe sich in der Tat einiges machen. Berlins Mitte besitzt, vom Nikolaihaus in der Brüderstraße, dem Magnushaus am Kupfergraben oder dem Brechthaus an der Chausseestraße abgesehen, kaum ein Gebäude, das an hier tätig gewesene Künstler und Gelehrte erinnert. Vor einiger Zeit ließ die 1993 gegründete Schadow Gesellschaft schon mal Räume im Hochparterre herrichten, wobei man hinter Blümchentapeten Reste alter Ausmalungen fand. Das große Wandgemälde von Eduard Bendemann "Brunnen des Lebens", auf dem Personen mit den Gesichtszügen von Angehörigen der Schadow-Familie agieren, konnte besichtigt werden. Nun dürfte dieses Bild wohl wieder bei öffentlichen Führungen gezeigt werden. Dann wird man etwa auch erfahren, dass das Haus 1888 in den Besitz des Deutschen Reiches gelangte und als Behördensitz und Wohnhaus diente. Bis zum Ende der DDR fungierte eine Erdgeschosswohnung als Ausguck der Staatssicherheit. Von hier aus wurden Vorgänge an der nahe gelegenen Ostberliner US-Botschaft observiert.

Alles ließ sich bis 1997 gut an, doch dann gab es eine Rückübertragung. Das Land Berlin trat das Schadowhaus an den Bund als Nachfolger des Deutschen Reiches ab. Flugs schraubte die Bundesvermögensverwaltung die Monatsmiete von 1000 auf 6000 Mark hoch und reduzierte die Kündigungsfrist auf drei Monate. Da die Schadow Gesellschaft mit rund 60 Mitgliedern das Vermögen satzungsgemäß für Restaurierungsarbeiten und Ausstellungen, nicht aber zur Bestreitung exorbitanter Mieten verwenden will, zog sie sich aus den schönsten Räumen ins Erdgeschoss zurück. Thierses Ankündigungen nun lässt hoffen, dass sich das Haus zu einem kulturellen Lichtpunkt entwickelt. Und sie zeigt, dass Politiker auch lern- und begeisterungsfähig sind.

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