Berliner Schaubühne gastiert in Moskau : Mit dem "Volksfeind" nach Russland

Theater in einer aufgeheizten Gesellschaft: Die Berliner Schaubühne gastiert mit ihrer Inszenierung von Ibsens „Ein Volksfeind“ in Moskau - und setzt damit ein klares politisches Statement.

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Radikaler Redner. Christoph Gawenda in der Titelrolle des Dr. Stockmann im Moskauer Theater der Nationen. Foto: Oliver Chrzanowski
Radikaler Redner. Christoph Gawenda in der Titelrolle des Dr. Stockmann im Moskauer Theater der Nationen.Foto: Oliver Chrzanowski

David Ruland, der den Verleger Aslaksen spielt, bittet das Publikum zur Abstimmung. Wer steht auf der Seite des Arztes Dr. Thomas Stockmann, der die Verunreinigung des örtlichen Bades aufdecken will? Wer findet dagegen, dass der Mann ein Volksfeind ist? Im Moskauer Theater der Nationen gewinnt Stockmann haushoch. Wie eigentlich überall auf der Welt. „He is a good man!“, ruft eine Zuschauerin. Ein junger Mann erklärt, man müsse schon deshalb für Stockmann sein, weil der Haare habe. Ruland hingegen, der Agent Provocateur dieser Debatte, eine Glatze. Nicht schwer, dahinter die Anspielung auf das kahle Staatsoberhaupt Putin zu verstehen. Und wieder eine andere zitiert Tolstoi und schlussfolgert: Glaubt nicht, was eure Regierung euch verkaufen will. Bildet euch eine eigene Meinung. Das ist schon viel in Moskau dieser Tage.

Die Schaubühne gastiert mit Thomas Ostermeiers Ibsen-Bearbeitung „Ein Volksfeind“ auf dem Territory-Festival, das 14 Tage lang russische und europäische Produktionen zeigt. Eine Inszenierung, die schon in vielen Ländern die Emotionen hat überschießen lassen. Die Publikumsdebatte, zu der Ostermeier innerhalb des Stücks einlädt, öffnet im besten Fall Ventile. Spiegelt die politische Situation und die neuralgischen Punkte einer Gesellschaft. Im bankrotten und von Korruption gezeichneten Buenos Aires kam es im Zuge der Diskussion über Recht, Macht und Moral fast zu Saalschlachten. In Istanbul, wo die Schaubühne kurz vor dem Jahrestag der Gezi-Proteste gastierte, sahen rechtskonservative Zeitungen einen Aufruf zum Sturz der Regierung Erdogan. Selbst in New York, wo niemand mit viel Beteiligung gerechnet hätte, verstrickten sich die Zuschauer in eine hitzige Diskussion über die Lügen der Medien und die Mängel des politischen Systems.

Tirade gegen die "scheiß liberale Mehrheit"

Dabei zeigt Ostermeier Stockmann nicht als wackeren Helden im alleinigen Besitz der Wahrheit. Sondern als ambivalente Figur, die sich zunehmend radikalisiert. Stockmann (Christoph Gawenda) bedient sich bei seiner Ansprache an die Stadtbewohner aus dem linken Manifest „Der kommende Aufstand“. Und schließt mit einer Tirade gegen die „scheiß liberale Mehrheit“. Ein lupenreiner Antidemokrat, der die Dummen in der erdrückenden Überzahl sieht. Das gibt auch in Moskau Szenenapplaus. Die Mehrheit, das sind immer die anderen.

Parallelen zwischen Ibsens Geschichte und der russischen Gegenwart liegen auf der Hand. Sie kommen auch zur Sprache bei einer Podiumsdiskussion im Foyer. Klar, dass Stockmann Edward Snowden ähnelt. Offensichtlich, dass es in Russland eine Kontrolle der Medien gibt, die nicht eben der Wahrheitsfindung dient. Aber alle Fragen bleiben vorsichtig, angedeutet. Trotz des sehr jungen, überwiegend studentischen Publikums. „Bei den meisten Statements ist nicht klar geworden, was die Leute wirklich denken“, findet Roman Dolschanskij, künstlerischer Leiter des Festivals. Und sagt auch: „Liest man die Statistiken, könnte man verzweifeln.“ In Umfragen sprechen sich 85 Prozent für den Krieg in der Ukraine aus. Vielleicht seien es in Moskau ein paar weniger. Aber immer noch die Mehrheit. „Ich glaube nach wie vor an die Kunst. Aber an die Bevölkerung immer weniger“, stöhnt Dolschanskij.

"Ist der letzte Zug schon abgefahren?"

Erst im Juni mussten sie am Theater der Nationen, wo der Festivalleiter als Dramaturg arbeitet, das Stück „Drei Tage in der Hölle“ von Pawel Prjaschko absetzen. Aufgrund eines neuen Erlasses, der die Verwendung schmutziger Wörter auf der Bühne verbietet. Außerdem hat Dolschanskij sich geweigert, einen offenen Brief zu unterzeichnen, in dem die russischen Intellektuellen die Annexion der Krim gutheißen sollten. In der Folge ist kurzerhand der Bau eines Kulturzentrums gestrichen worden. Dolschanskij hat einen zweiten Pass in Israel beantragt. Problem: Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft dürfen in Russland keine staatlichen Budgets mehr verwalten, keine Kulturinstitutionen leiten. Das Regime scannt seine Gegner. Für Künstler wie Dolschanskij oder Regisseur Kirill Serebrennikov stelle sich mit wachsender Dringlichkeit die Frage: „Ist der letzte Zug, mit dem wir das Land verlassen können, schon abgefahren?“, erzählt Thomas Ostermeier am Tag nach der Vorstellung. Eine beunruhigende Entwicklung.

Der Intendant war kurz vor dem Moskau-Gastspiel noch in St. Petersburg. Im vergangenen Jahr hat die Schaubühne dort „Tod in Venedig“ gezeigt. In heikler Situation. Es war gerade das irre Gesetz erlassen worden, das die Propaganda von Homosexualität vor Minderjährigen unter Strafe stellt. Ostermeier erklärte in einer Rede seine Solidarität mit der schwulen Community Russlands, ein Handymitschnitt davon landete im Netz. Tags darauf wurde das Theater von radikalen Kosaken gestürmt, selbst erklärten Patrioten, die einen Schweinekopf im Foyer hinterließen, unter den sie den Namen des Festivalleiters Lew Dodin schrieben. Im Nachklang ist das Festival dieses Jahr komplett abgesagt worden. Offizielle Begründung: Es habe schlecht gewirtschaftet.

Wo liegt die Grenze für Gastspiele?

Die Frage ist ja, ob man unter solchen Umständen überhaupt eine Einladung nach Russland annehmen sollte. Wo die Grenze für Gastspiele liegt. „Es gibt darüber an der Schaubühne heftige Diskussionen“, sagt Eva Meckbach, die im „Volksfeind“ Stockmanns Frau spielt. „Und die kommen auch nie zu einem Ende. Was ich gut finde. Denn daran wird deutlich, wie komplex die Situation ist.“ Mit einem Stück wie „Volksfeind“ nach Moskau zu fahren, das ganz klar zur politischen Reflexion einlade, sei die richtige Entscheidung.

Radikaler Redner. Christoph Gawenda in der Titelrolle des Dr. Stockmann im Moskauer Theater der Nationen. Foto: Oliver Chrzanowski
Radikaler Redner. Christoph Gawenda in der Titelrolle des Dr. Stockmann im Moskauer Theater der Nationen.Foto: Oliver Chrzanowski

Vor drei Jahren hat Ostermeier am Theater der Nationen Strindbergs „Fräulein Julie“ inszeniert. Damals demonstrierten massenhaft Menschen auf den Straßen, es war kurz vor der Wiederwahl Putins. Heute scheint genau das eingetreten zu sein, was die Inszenierung „Ein Volksfeind“ beschreibt: Eine junge Generation hat ihre Politisierung erlebt. Ist an die Grenzen des Systems gestoßen. Und weiß nun nicht weiter. Mittlerweile gibt es in Moskau ein Demonstrationsverbot. Und vor allem die große Ungewissheit: Was kommt nach Putin? So wie das gesellschaftliche und politische Klima sei, „könnte der Nachfolger noch schlimmer werden“, befürchtet Dolschanskij.

Das „Volksfeind“-Gastspiel nimmt noch einen unerwarteten Verlauf. Bei der zweiten Vorstellung entern Dutzende Menschen die Bühne, um ihre Solidarität mit Stockmann zu erklären. Das ist bislang noch nirgendwo vorgekommen. Man muss das nicht als revolutionären Aufstand sehen. Aber doch als Zeichen, dass in der verunsicherten russischen Gesellschaft noch etwas gärt. Stockmann-Darsteller Christoph Gawenda lässt die Zuschauer schließlich darüber abstimmen, ob sie den fünften Akt sehen oder auf der Bühne bleiben wollen. Die Entscheidung fällt für die Fortsetzung des Theaters. Mit großer Mehrheit.

„Ein Volksfeind“ an der Schaubühne wieder am 14. und 15. Oktober, 20 Uhr

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