Kultur : Berliner Schaubühne: Kein Dogma, nie - Das Theater stellt seine Pläne vor

Doris Meierhenrich

"Sehr gut. Weiter!" lautet ein Satz in der neuen, pinkfarbenen Spielzeit-Broschüre der Schaubühne. Ein Büchner-Zitat, unmissverständliches Motto in eigener Sache: "Dantons Tod" von Georg Büchner (Premiere Februar 2001) soll in Thomas Ostermeiers Regie ein Höhepunkt der zweiten Schaubühnen-Saison nach ihrer Neugründung werden. "Sehr gut. Weiter!"

Thomas Ostermeier und sein Kollegium haben sich einem Auftrag verschrieben, der permanente Kritik und politischen Neuanfang verordnet, und sie selbst schonen sich auch nicht. Die Präsentation des neuen Spielplans inszenierte man im gläsernen Foyer der Schaubühne als kritische Fragestunde zur vergangenen Saison. Der Radiomoderator Journalist Ulf Kalkreuth fragte Thomas Ostermeier und Sasha Waltz auf dem Podium, was von ihrem politischen "Manifest" übrig geblieben und was an all dem womöglich falsch gewesen sei. Doch irgendwie schien das alles weit weg. Ostermeier und Waltz wollten nicht ewig an alten Missverständnissen gemessen werden: Es habe nie ein "Manifest" gegeben und nie dogmatische Grundsätze. Ostermeier war bemüht, seine Ideen vom kollektiven und revolutionären Theater pragmatisch zu sehen.

Provokant wurde es an diesem Abend denn auch kaum. Ostermeier enthielt sich einer Positionsbestimmung der Schaubühne in der Berliner Bühnenkonkurrenz und schlenderte statt dessen mit dem Fragensteller über das allgemein ästhetische Glatteis, wo sie munter auf dem Begriff vom "politischen Theater" hin und her rutschten. Am Ende galten zwei Dinge: das Politische beginnt im Privaten (Ostermeier) und im Körper (Waltz) und der, so die Choreografin, müsse in den Aufführungen sprechen. In einer mit "S" betitelten Fortsetzung ihrer erfolgreichen Produktion "Körper" wird sie ein Spiel zwischen "Abstraktion und Narration" zeigen. Waltz führt die Choreografenwerkstatt weiter, was für das Pendant im Schauspiel, die Autorenwerkstatt, nicht vorgesehen ist.

Als Autorentheater will Ostermeier die Schaubühne dennoch weiter ausbauen, auch wenn sie, wie er zugesteht, von ihrem Vorbild, dem Londoner Royal Court, weit entfernt ist. So setzt er derzeit auf Autoren, die bereits an das Haus gebunden sind: Marius von Mayenburg, von dem im Oktober das Stück "Parasiten" gezeigt wird, das Ostermeier im Mai am Hamburger Schauspielhaus uraugeführt hat; David Gieselmann, einen der Teilnehmer der Autorenwerkstatt im vergangenen Frühjahr, von dem Marius von Mayenburg im November "Herr Kolpert" inszeniert, und Roland Schimmelpfennig, dessen "Arabische Nacht" im nächsten Frühjahr auf die Bühne kommt. Ein Festival neuer internationaler Dramatik soll im November einen umfassenden Überblick über den neuen Stückemarkt weltweit bieten. In szenischer Lesung wird dabei auch das zusammen mit den Wiener Festwochen erteilte Auftragswerk an die Belgraderin Biljana Srbljanovic vorgestellt, das im Frühjahr 2001 an der Schaubühne Premiere hat.

Am liebsten, gesteht Ostermeier, hätte er dem Norweger Jon Fosse die ganze Spielzeit gewidmet, denn der komme dem 68er Grundsatz "das Private ist politisch" am allernächsten. Zwei Stücke stehen daher von Fosse auf dem Plan: "Der Name" im Oktober, den Ostermeier bei den Salzburger Festspiele herausbrachte, und "Traum im Herbst", der im Frühjahr nächsten Jahres von Barbara Frey inszeniert wird. Am kommenden Samstag eröffnet die Regisseurin mit einer Inszenierung des Horváth-Stückes "Eine Unbekannte aus der Seine" den Reigen.

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