Kultur : Berliner Schaubühne: Lust im Kopf

Meike Matthes

Es war einmal, an einem schwülen Juniabend, ein Wasserrohrbruch im siebten Stock eines Hochhauses. Und es soll so sein, dass der Hausmeister Hans Lomeier sich auf die Suche nach dem Leck in der Leitung begibt, wobei er der arabischen Nachbarin Fatima begegnet, die auf ihren Liebhaber Kalil wartet, wie immer in der Stunde der untergehenden Sonne, wenn ihre Mitbewohnerin Franziska, eine an Amnesie leidende Medizinisch-Technische Assistentin, in einen rätselhaften Tiefschlaf fällt und halbnackt auf dem Sofa liegt, was prompt Karpati, den Spanner von gegenüber anlockt, der sich in die Wohnung schleicht und über der wehrlosen Schläferin seine schwülstigen Erweckungsphantasien ausschwitzt, während Kalil im Fahrstuhl stecken bleibt und hinter der schlüssellosen Fatima die Haustür zufällt und Lomeier das verschwundene Wasser in den Wänden singen hört und Franziska träumt, dass sie als Kind auf dem Basar von Istanbul entführt wurde und eigentlich eine verwunschene Beduinenprinzessin ist, was für den lüsternen Küsser Karpati zur Folge hat, dass er sich plötzlich im Bauch einer Cognacflasche wiederfindet: "Über mir der Flaschenhals, den ich vergessen habe, wieder zu verkorken, unerreichbar hoch. In der Öffnung der Flasche fängt sich mit tiefem Ton ein Luftzug. Hallo?"

Reicht jetzt eigentlich, oder? Geht aber gnadenlos weiter. Weil auch der dem Fahrstuhlschlund entronnene Kalil bei der dornröschenhaften Daumennucklerin eine feuchte Lippe riskiert und fortan kopflos-kopulierend durch die Korridore taumelt, vom Zombie einer geköpften Haremsdame und diversen einsamen Hausfrauen zum Beischlaf genötigt, ein libidinöser Zwangsarbeiter, verfolgt von seiner eifersüchtigen Geliebten Fatima, die seinem unwürdigen Stecher-Dasein schließlich mit dem Küchenmesser ein blutiges Ende setzt, so dass für die Rolle des Märchenprinzen nur noch Lomeier bleibt, dem es mittlerweile, umwölkt von rotem Wüstensand, in den Sinn gekommen ist, dass er seine Frau ermordet hat, ihr seinen Phasenprüfer in beide Augen gerammt, weil sie sich immer mokierte über seine Graukittel-Existenz, an der aber Franziska, die im Traum Zusichgekommene, gar keinen Anstoß nimmt, weshalb sich die beiden nun endlich zum ultimativen Schluss-Kuss formieren, wobei sie leider die Cognacflasche von der Balkonbrüstung fegen: "Ich bin tot", lauten folgerichtig die letzten Worte, die in Roland Schimmelpfennigs "Arabischer Nacht" gesprochen werden, bevor eine Flasche aus dem Bühnenhimmel fällt und in tausendundeine Scherbe zerspringt.

Schwer was los in diesem Stück, sollte man meinen. Doch das hyperaktive Hochhausmärchen (mit dessen Hilfe die Schaubühne sich wieder einmal vom selbstverordneten Anspruch erholt, politisches Theater zu machen) ereignet sich ausschließlich in der überhitzten, im Erzählfluss badenden Fantasie der erotisch ausgedürsteten Wohnwabenbewohner. Der Dramatiker Schimmelpfennig hat offenbar ein Händchen für hauchzarte Hirngespinste, die (wie der elegische Bilderbogen "Vor langer Zeit im Mai") dem Theater die Sprache verweigern - oder der Sprache das Theater. Sein Stück ist ein reizvolles, in innere Zwiesprache verwickeltes, alle direkten Aktionen oder Dialoge verwehrendes Hörspiel. Ein ornamentales Geflecht aus Wunsch-und Zwangsvorstellungen, die einander dekorativ umschlingen und durchkreuzen. Wie soll man spielen mit diesem Kopfstück, das wie ein fluguntauglicher Perserteppich offenbar nur in der Vorstellungskraft des Lesers an Auftrieb gewinnt?

Regisseur Tom Kühnel ignoriert die Selbstgenügsamkeit des Textes und hinkt ihm szenisch hinterher, stets bemüht, die Worte durch entsprechende Handlungen zu verdoppeln. Treppauf, treppab sprinten die Schauspieler durch die von Jan Pappelbaum ausgestattete Wohnsilo-Wüste, reißen sich die Kleider vom Leib, duschen im Fahrstuhl, betreiben Kopulations-Gymnastik, agieren heftig ins Leere. Und bleiben doch, bei aller naiven Spielfreude, nur Textgaleeren-Sklaven, die in einem Meer von Worten rudern: Thomas Bading ein hübsch verschrobener Kittel-Klemmi, Justine del Corte eine gebremste Sinnlichkeits-Offensive, Roland Kukulies ein stoischer Unterleibsathlet und Charly Hübner ein wackerer Wächter jener Flasche, in der sein zweites Ich dem klirrenden Exitus entgegenbibbert. Nur Anne Tismers Franziska, eine hart am Rande zur Bewusstlosigkeit wankende Somnambule, zeigt Umrisse einer Figur, der man mehr Spielraum wünschen würde, in einem anderen Stück, einer anderen Inszenierung.

Zuletzt entschweben Sofa, Lift und Treppenhaus in den Bühnenhimmel, aber Schimmelpfennigs Stück bleibt auf dem Teppich. Ein hübscher Teppich - aber keine Basis, die geeignet wäre, der nach Halt und Haltung suchenden Schaubühne mehr Standfestigkeit zu verschaffen.

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