Kultur : Berliner Schauspielhaus: Frühlings Gefühle

Isabel Herzfeld

Der britische Cellist Steven Isserlis ist ein Feuerkopf. Auch sein Einsatz für einen vergessenen Komponisten wie Carl Frühling, der im Wien der Jahrhundertwende als Zeitgenosse Gustav Mahlers auf den Spuren von Johannes Brahms wandelte, lebt von unbedingter Intensität. Im Berliner Schauspielhaus hat sich der Nachfolger des Streichergenies Sándor Vegh am International Musician Seminar in Cornwall zudem mit den erlesensten Mitstreitern umgeben: Der Klarinettist Michael Collins, die Geiger Isabelle Faust und Daniel Philips, die Bratschistin Veronika Hagen sowie der Pianist Stephen Hough verschmelzen mit dem Cellisten zum Ensemble von sensibelster Dialogfähigkeit.

In einem beziehungsreich komponierten Programm konfrontieren sie den aus Lemberg stammenden jüdischen Komponisten mit Dvorák und Brahms. Deren subtile Vernetzung von Figuren und Motiven auf Haupt- und Nebenschauplätzen kann das Klavierquintett in fis-moll (1893) freilich nicht erreichen. Eher orchestral-massiv rauscht es auf, reißt den Hörer in einen üppigen Klangstrom. Der hat seine plüschigen Nuancen, verliert sich in himmelwärts strebenden Violinstimmen, schäkert in koketten Walzerrhythmen. Weniger Salontöne enthält das Klarinettentrio op. 40, schon durch die herbere Bläserfarbe, mit mancher bereits "impressionistisch" flimmernden harmonischen Wendung. Innovation strebte Frühling nicht an, doch ein bunt schillerndes Blatt im oft blassen Repertoire-Buch wären seine zahlreichen Werke gewiss.

Am zweiten Abend tritt das gewichtigere Trio in angemessenere Balance zum himmelstürmenden Klavierquintett f-moll des jungen Brahms, das durch den niemals nachlassenden Ingrimm der Musiker schlicht überwältigt. Zum Höhepunkt gerät das Klarinettentrio op. 114, eines der letzten Werke des alten, bereits in Resignation eingesponnenen Meisters, der in strenger Reduktion jedoch zu "Brahms, dem Fortschrittlichen" wird. Das klagt in einsamen Linien, spinnt Silberfäden, lässt die Wärme des letzten Sommers durch kühle Nebel aufglimmen. Gegen solchen Herbst kommt Frühling nicht an.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben