Kultur : Berliner Schloss: Ein Knauf ist schon da

Gerwin Klinger

An den 50. Jahrestag der Sprengung des Berliner Schlosses erinnert das Märkische Museum mit einer jetzt eröffneten Ausstellung. Sie dokumentiert die kurze Nutzungsgeschichte des Baus nach dem Krieg und die politischen Auseinandersetzungen um seinen Abriss. Am 7. September 1950 wurde auf Geheiß der DDR-Führung mit den Sprengungen begonnen, die sich bis zum Jahresende hinzogen. Der Barockbau musste weichen, um im Stadtzentrum Platz zu schaffen für die Massen- und Machtinszenierungen der SED. Das veranschaulicht der erste Ausstellungsraum anhand von Akten, Briefen, Skizzen und Fotos. Deutlich werden aber auch die unmittelbar nach Kriegsende einsetzenden Bemühungen des Architekten Hans Scharouns als Leiter des Instituts für Bauwesen, den bombenbeschädigten Monumentalbau zu bewahren.

Scharoun und der Kunsthistoriker Richard Hamann appellierten eindringlich an die DDR-Führung, doch vergeblich. Der Direktor des Stadtmuseums Walter Stengel spricht gar von "einem wohl überlegten, kaltblütigen Mord". Stengels Bemühungen sind auch viele der Schlossrelikte zu verdanken, die der zweite Ausstellungsraum präsentiert. Über die Jahre auf dem Dachboden des Museum verborgen, können sie nun erstmals gezeigt werden.

Der Jahrestag der Sprengung ist diesmal in mildes Licht getaucht. Ja, für Wilhelm von Boddien, die Historische Gesellschaft Berlin und die Gesellschaft zum Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses, die die Ausstellung komplett finanziert haben, gerät der Empfang zur Eröffnung im Innenhof des Museums zu einem Festakt. Der Streit um "Schloss-Rekonstruktion" oder "Sanierung des Palasts der Republik" scheint ihrem Willen gemäß entschieden. Denn Politik von Bund und Land neigen vernehmbar zu einer Lösung, die sich beim Gebäudekörper am Grundriss des Schlosses orientiert und die historische Fassade rekonstruiert.

Das "Ob" des Wiederaufbaus scheint da schon keine Frage mehr. Die eigentliche Aufgabe ist indes noch längst nicht gelöst. Scharoun formulierte sie am 31. August 1950, am Vorabend der Sprengung, in einem Brief an den DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl so: Es gelte "Schloss oder der Stelle, die es in der Struktur der Stadt und der Vorstellung der Welt einnimmt, wieder einen Inhalt, eine Seele zu geben". Die Aufgabe ist geblieben. Was gedanklich steht, ist die historische Fassade. Hinter ihr lauter offene Fragen. Die beiden gewichtigsten: Was wollen wir eigentlich an diesem Ort? Und: Wie wird das finanziert?

Das wissen auch die beiden Hauptredner des Abends, Kultursenator Christoph Stölzl und Wilhelm von Boddien, die jedoch in die Niederungen von Finanzierungsfragen nicht hinabgleiten möchten. Im Prozess der gesellschaftlichen Willensbildung würden alle Widersprüche ausgetragen und gelöst. Die öffentliche Hand müsse die Verantwortung - sprich: die Kosten - tragen, beruhigt Stölzl. Jetzt keine "Verzagtheit", "kein defensives Herangehen" an die Aufgabe, lautet die Botschaft der beiden Redner. Es ist die Stunde visionärer Vorstellungskraft. Stölzl sieht einen Dreiklang der Museen entlang der Achse vom Brandenburger Tor: Deutsche Geschichte im Zeughaus, europäische Geschichte und Kultur auf der Museumsinsel und Ethnologie und Kulturen der Welt im Schloss.

Von Boddien schwärmt von einem Nutzungsmix: ein Zentrum für Kongresse und Feierlichkeiten gleich einem "Club of Rome der geistigen Erneuerung", dazu ein Museumsareal, das den Louvre übertrifft, und ein Verwaltungszentrum, das die Hauptquartiere der großen deutschen Stiftungen beherbergt. Warum nicht von einem "rauschenden Fest" zum Jahrestag des Mauerfalls 2009 im neuen Schloß träumen. Manche kluge und manch bunte Idee steigt da in den Berliner Abendhimmel unter den Augen Theodor Fontanes, der gänzlich unbekümmert von "Mahnmal-Diskussion", Finanzierungskrise bei der "Topographie des Terrors" und "Expo-Pleite" auf seinem Marmorsockel im Innenhof steht.

Ein Anfang wurde immerhin gemacht. Berlins bekanntester Transvestit Charlotte von Mahlsdorff überreichte dem Museum eine Ofenkachel und einen Fensterknauf, die sie vor der Sprengung aus dem Schloss geborgen hatte - oder geklaut? Ein Vorzeichen, dass die Berliner sich das Schloss auf ihre ganz eigene Weise aneignen könnten.

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