Berliner Schloss, Grundsteinlegung : Zurück auf Anfang

Eine alte Sehnsucht: Am Mittwoch wird der Grundstein für die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses gelegt.

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Traum vom Süden. Der Film- und Theatermacher Christoph Schlingensief hatte vorgeschlagen, auf dem Berliner Schlossplatz ein afrikanisches Dorf zu errichten. Daraus wurde nichts. Stattdessen baute Schlingensief dann ein Operndorf in Burkina Faso. Fotocollage: Christoph Schlingensief/Thomas Goerge
Traum vom Süden. Der Film- und Theatermacher Christoph Schlingensief hatte vorgeschlagen, auf dem Berliner Schlossplatz ein...

Schlösser stehen beim touristischen Publikum hoch im Kurs, Burgen beinahe noch mehr. Burgenromantik ist ein Begriff, der sich am ehesten mit deutscher Seele verbindet. Dabei sei nicht einmal an die Märchenburg Neuschwanstein gedacht, die sich ein tragisch geendeter bayerischer König auftürmen ließ. Die spätmittelalterlichen Burgen und Burgruinen am Rhein waren es, an denen sich die Sehnsucht nach Rittern und Burgfräulein im 19. Jahrhundert entzündete.

So könnte es künftig im Humboldt-Forum im Schloss aussehen
So könnte es aussehen. Beim Projekt "Springer" des Humboldt Lab werden spielerische Eingriffe in die eigentliche Ausstellung vorgenommen. Hier gibt es zu indischen Statuen Bekleidung und Opfergaben, wie sie beim Krugfest gang und gäbe sind.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: Staatliche Museen Berlin/Jens Ziehe
13.03.2013 17:21So könnte es aussehen. Beim Projekt "Springer" des Humboldt Lab werden spielerische Eingriffe in die eigentliche Ausstellung...

Karl Friedrich Schinkel, der omnipräsente Chef-Architekt Preußens, stellte auf Geheiß seiner königlichen Auftraggeber das Muster einer Rheinburg hinzu, Burg Stolzenfels bei Koblenz. Die damals bereits seit 150 Jahren verfallende ursprüngliche Burg wurde Ende der 1830er Jahre erheblich ausgebaut.

Auf Schinkels Entwürfe geht auch der Wohnsitz des preußischen Kronprinzen und erst in vorgerücktem Alter zum Regenten aufgestiegenen Wilhelm I. zurück, Schloss Babelsberg, das sich allerdings an den englischen Bauten der Tudor-Zeit des frühen 16. Jahrhunderts orientiert. Der Stammsitz der Hohenzollern hingegen, die gleichnamige Burg in oder besser hoch über Hechingen inmitten des anderweitig regierten Württemberg, wurde erst zwischen 1850 und 1867 vom Schinkel-Schüler Friedrich August Stüler in königliche Form gebracht.

Mit der historischen Authentizität von Burgen und Schlössern ist es also nicht unbedingt weit her. An der geplanten Wiederherstellung des leider nicht in maßgenauen Bauplänen überlieferten Heidelberger Schlosses, von den Truppen des französischen Königs Ludwig XIV. verwüstet, entzündete sich um 1900 die erste wissenschaftliche Debatte um die Denkmalpflege, die deren Wortführer, der in Straßburg – Münster, Goethe! – lehrende Georg Dehio, mit dem Donnerwort abschloss: „Konservieren, nicht rekonstruieren!“

Dehios dogmatische Jünger – sie beherrschen die heutigen Denkmalsbehörden – laufen Sturm angesichts der mit der Grundsteinlegung am kommenden Mittwoch offiziell beginnenden Rekonstruktion der barocken Fassaden des Berliner Schlosses. Es soll ein neues, in Beton gegossenes Gebäude umschließen, das Humboldt-Forum, wo die ethnologischen Sammlungen der Staatlichen Museen, jetzt noch im Dahlemer Provisorium, ihr neues Domizil finden sollen.

Das vermeintliche Sakrileg ist jedoch geringer, als es die Denkmals-Dogmatik behauptet. Die Rekonstruktion der von Andreas Schlüter kurz vor 1700 geschaffenen und von seinen Nachfolgern entwurfsgetreu verlängerten und verdoppelten Fassaden, denen freilich das legitimierende Gebäudeinnere abgeht, wird nicht Disneyland sein, sondern Ergebnis wissenschaftlicher Untersuchungen, insbesondere der Auswertung millimetergenauer Fotografien vor der Zerstörung. Wer je die prachtvollen Aufnahmen bewundert hat, wie sie um 1900 mit großformatigen Plattenkameras angefertigt wurden, wird die Möglichkeit einer originalgetreuen Rekonstruktion bejahen.

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