Berliner Schloss : Hinter den Fassaden

Was steht in der Ausschreibung zum Berliner Schloss-Wettbewerb? Wer bewirbt sich, wer entscheidet? Die Fakten zur Debatte.

Bernhard Schulz
Schloss
Eine Computergrafik zeigt den geplanten Neubau des Berliner Schlosses. -Foto: Förderverein Berliner Schloss e.V.

Noch ist das politische Berlin nicht wieder in den Arbeitsalltag zurückgekehrt. Unterdessen werden jedoch Positionen für kommende Scharmützel markiert. So auch beim Stadtschloss. David Chipperfield hat die Vorgabe des Bundestages, das Schloss in den barocken Fassaden Schlüters zu errichten, als „Einmischung“ kritisiert (siehe Tsp. vom 2. 1. 08) – und die Politik schweigt vorerst dazu, obwohl Chipperfield als Fachpreisrichter in die Jury des Architekturwettbewerbs zum Schloss berufen worden ist.

Auch das federführende Bundesbauministerium gibt sich zugeknöpft. Noch hat der eigentliche Wettbewerb nicht begonnen, denn bis 23. Januaur läuft die Bewerbung für die Vorauswahl der teilnehmenden Architekturbüros. Deren Zahl ist auf 150 begrenzt. Die Interessenten – bis zu 1000 erwartet das Ministerium – müssen ihre Leistungsfähigkeit nachweisen, ein derart gewaltiges Projekt bearbeiten zu können. Bewerben können sich Büros nahezu aus aller Welt.

Nach Einsendeschluss wird ein Ausschuss des Ministeriums die Wettbewerbsteilnehmer auswählen; die Liste soll Anfang März bekannt gegeben werden. So lange ist auch der vollständige Auslobungstext unter striktem Verschluss. Um ihn hat es hinter den Kulissen einiges Gerangel gegeben. Der Erstentwurf hatte das Votum des Bundestages nicht eindeutig wiedergegeben, so dass der Eindruck entstehen konnte, die Vorgabe der barocken Fassaden stünde zur Disposition. „Die vollständige Rekonstruktion des Schlosses im Äußeren wie im Inneren entspricht nicht den Beschlüssen des Deutschen Bundestages“, hatte es ursprünglich geheißen – nicht falsch, aber bewusst verzerrt. Da war offenbar ein versierter Rekonstruktionsgegner am Werk. Kenner tippen auf die Leitungsebene des Bauministeriums, das Wolfgang Tiefensee (SPD) mehr repräsentiert als führt. Erst geharnischter Protest unter anderem von Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) und seinem Vorgänger Wolfgang Thierse (SPD) führte zur Korrektur.

Der neue Ausschreibungs-Entwurf vom 22. November 2007 – er liegt dem Tagesspiegel vor – zitiert den Bundestags-Beschluss im Wortlaut, demzufolge die „Wiedererrichtung der barocken Fassaden auf der Nord-, West- und Südseite sowie innerhalb des Schlüterhofes“ vorzusehen sind. Zudem ist die „Integration historischer Raumgefüge sorgfältig zu prüfen“ und „die Errichtung einer Kuppel im Bereich des ehemaligen Hauptportals vorzusehen“. Dabei verhehlt die Auslobung nicht, dass die Geschosshöhen hinter der „nicht zur Disposition stehenden Barockfassade“ – nochmals! – zu den „funktionalen Anforderungen des Humboldt-Forums teilweise im Konflikt“ stehen. Im Klartext: Da wird es Versprünge geben. Immerhin werden für die Innenräume wechselnde Deckenhöhen zwischen vier und zehn Metern verlangt.

An der Bewältigung solch kniffliger Probleme wird sich die Meisterschaft der Architekten erweisen, zumal auch die Vorgaben bei Gebäudeflächen, Raumgrößen und Nutzungen höchst detailliert sind. Vom „Restaurant der Kontinente“ im Grundgeschoss bis zu den „Werkstätten des Wissens“ reicht das Spektrum. Allein 20 308 Quadratmeter Ausstellungsfläche überwiegend für die außereuropäischen Sammlungen der Staatlichen Museen sind einzuplanen – das ist die zweieinhalbfache Nutzfläche des Gropius-Baus! Hinzu kommen 600 Quadratmeter für die rekonstruierte königliche Kunst- und Wunderkammer, die Wiege der preußischen Museen: Da „reist der Besucher in die Zeit von Leibniz und der Brüder Humboldt zurück“. Von solch schwärmerischen Sätzen ist der 119-seitige Ausschreibungs-Entwurf nicht frei. Offenbar hofft man, die Begeisterung der politischen Kräfte, die die Entscheidung für Schlossrekonstruktion und Humboldt-Forum bewirkt haben, möge sich auf die Architektenschaft übertragen.

Was die Wettbewerbsteilnehmer in der 1. Phase zwischen Anfang März und Anfang Mai erarbeiten, muss sich dann dem Urteil der 15-köpfigen Jury stellen (siehe Kasten). Sie wählt bis zu 40 Teams aus, die zur 2. Phase geladen werden, in der neben der Konkretisierung der Entwürfe auch die Frage der städtebaulichen Einbindung des Schlosses in seine Umgebung beantwortet werden muss. Ende November befindet das Preisgericht über den Sieger. Die Vorweihnachtszeit 2008 wird voraussichtlich also kaum in adventlichem Frieden verlaufen, sondern vom Kampflärm der Kontrahenten widerhallen. Denn erst wenn ein Entwurf konkret vor Augen steht, in Simulation, Modell und Plänen, wird die Debatte um Rekonstruktion, Gegenwartsarchitektur und das schwierige Verhältnis beider zueinander von einer breiten Öffentlichkeit geführt werden können.

Auch die Juroren werden dann Stellung beziehen. Um ihre Nominierung war heftig gerungen worden, denn die Jury-Zusammensetzung kommt immer einer Vorentscheidung gleich. Eine erste Namensliste verschwand im Reißwolf, dann gab es hektische Telefondiplomatie. Nunmehr besteht die Riege aus acht Fach- und sieben Sachpreisrichtern; erstere sind Architekten, letztere sollen die Erfüllung der Nutzungswünsche sicherstellen.

Seit dem Bekanntwerden der Berufungen werden geradezu beschwörende Zuordnungen zu den verfeindeten Lagern vorgenommen: für historische Schloss- Rekonstruktion oder für zeitgenössischen Museums-Neubau? Indessen besteht der Charme der Juryauswahl darin, dass eine trennscharfe Zuordnung nicht möglich ist. HG Merz beispielsweise hat die Alte Nationalgalerie rauschhaft schön wiederhergestellt – und baut dennoch einen kantig-kargen Lesesaal mitten in den Altbau der Staatsbibliothek Unter den Linden. Peter Kulka ist erklärter Modernist – und hält sich doch beim Umbau des großen Hofes des Dresdner Residenzschlosses behutsam zurück. Giorgio Grassi ist ein strenger Rationalist – er fiel mit seinem Entwurf für den Weiterbau der Museumsinsel durch und musste Chipperfield das Feld überlassen. Der hat sich nun an die Spitze der Geschichtsgegner gestellt – und zeigt mit dem Neuen Museum, wie sich historische Substanz und neue Hinzufügungen unter dem Druck heutiger Nutzungsanforderungen vereinen lassen. Unter den Sachpreisrichtern hat sich allein Regula Lüscher als Kritikerin des Wiederaufbaus positioniert. André Schmitz, eloquentes kulturelles Sprachrohr Klaus Wowereits, sucht gern den für seinen Chef günstigsten Wind.

Wer also wofür stimmen wird, lässt sich heute so sicher voraussagen wie das Wetter am Tag der spätherbstlichen Entscheidung. Der Bauherr Bund hat ohnedies das letzte Wort. Als Auslober ist er an die Entscheidung des Preisgerichts zwar nicht formal, wenn auch moralisch gebunden. Zudem sind sich für die Feinplanung Arbeitsgemeinschaften mehrerer Preisträger vorstellbar. Die Aufgabe ist so gewaltig, dass das endgültige Bauwerk viele Mitschöpfer haben muss, um allen Anforderungen Genüge zu tun. Damit das Schloss samt Humboldt-Forum ab 2015 „die Welt zum Teilhaber des vornehmsten Platzes Deutschlands“ mache, wie es die Auslobung emphatisch fordert.

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